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	<title>prägung &#8211; KOLLEGSGESCHICHTEN</title>
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	<description>Geschichten vom Kolleg Sankt Blasien</description>
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	<title>prägung &#8211; KOLLEGSGESCHICHTEN</title>
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		<title>&#8222;Das Kolleg hat mein späteres Leben entscheidend beeinflusst.&#8220;</title>
		<link>https://kollegsgeschichten.de/1949/das-kolleg-hat-mein-spaeteres-leben-entscheidend-beeinflusst-heiner-geissler-zum-50jaehrigen-abitursjubilaeum-im-kolleg-st-blasien-juni-1999/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Heiner Geißler]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 31 Dec 2023 13:06:31 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[1949]]></category>
		<category><![CDATA[Abitur]]></category>
		<category><![CDATA[Ausbildung]]></category>
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					<description><![CDATA[Als der Abiturjahrgang 1949 sein Goldenes Abi-Jubiläum feierte, hielt Altkollegianer Heiner Geißler eine Ansprache, in der er persönliche Einblicke in seine prägende Zeit am Kolleg zwischen 1946 und 1949 gewährt.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p><em><strong>Heiner Geißler zum 50jährigen Abitursjubiläum im Kolleg St. Blasien, Juni 1999</strong></em></p>
</blockquote>



<p>Zwischen der Tausend-Jahr-Feier des Klosters St. Blasien und &#8211; sagen wir mal &#8211; der Gründung der Narrenzunft „Der Gaudi-Hans“ gab es noch ein weiteres bedeutendes Ereignis, nämlich die Matura des Abiturjahrganges 1949 im Kolleg St. Blasien!</p>



<p>50 Jahre später, nämlich am 19. Juni 1999, treffen sich diese Abiturienten wieder in St. Blasien. Einer von ihnen war ich &#8211; wir hatten damals das landesweit beste Zentralabitur von ganz Südbaden gemacht: Die Kollegsleitung war mächtig stolz auf uns, vor allem Pater Rektor Otto Faller SJ, der aber seine Freude angemessen zu verbergen wusste. Er war nur ein bisschen freundlicher als sonst zu uns. Das Kolleg hatte einen guten Ruf: Das hing auch damit zusammen, dass eine ganze Reihe von hochkarätigen Lehrern, Studienräten, Oberstudiendirektoren, die der Krieg aus der Bahn geworfen hatte oder im Luftkurort St. Blasien Heilung von ihren Kriegsleiden suchten, aber exzellente Lehrer geblieben waren, von den Jesuiten für den Schuldienst engagiert wurden.</p>



<p><strong>Eine schulische Elite versammelte sich am Kolleg.</strong></p>



<p>Und so kam es, dass im Kolleg damals eine gewisse schulische Elite versammelt war, die sich durch hohe fachliche Qualität auszeichnete. Einer der berühmtesten unter ihnen war der Oberstudiendirektor Kill, der uns Mathematik beibrachte und sogar imstande war, mich zu einem Fan der Mathematik zu machen. Es existierte auch ein Chemieprofessor Benl, der uns das periodische System lehrte. Aber die Qualität der Schule wurde vor allem von den Jesuiten begründet, an ihrer Spitze Pater Faller, der lange Zeit Berater von Papst Pius XII. gewesen war und der jetzt mit durchgedrücktem Rückgrat durch die Gänge des Kollegs schwebte und sich uns Schülern als eine imposante Lehrergestalt darbot. Charakteristisch war der Schwung, mit dem er alle fünf Minuten mit dem Mittelfinger seine Brille, die sich nach vorn auf die Nase verlagert hatte, wieder in die richtige Lage befördert hatte…Er war, wie ich fand, ein exzellenter Pädagoge und großartiger Latein- und Griechischlehrer. Er war jedoch eine absolute Autorität, war streng, aber gerecht, freundlich und dennoch unnahbar.</p>



<p>Pater Wiedemann lehrte Deutsch und Geschichte, wobei er mangels gedruckter Literatur einen eigenen 400 Seiten dicken Abriss der neueren Geschichte fabrizierte, der heute noch in meinem Besitz und außerdem lesenswert ist. Pater Heitlinger lehrte Griechisch, Pater Adamek Latein und Dr. Lotz, der Bruder des Philosophieprofessors Johann Baptist Lotz SJ, gab den Sportunterricht und lehrte moderne Fremdsprachen. Genaralpräfekt war Pater Frank SJ, die Präfekten der Abteilungen des Jahrgangs 1949 waren Pater Kranz und Pater Nitzsche; ebenso P. Laszlo Ballay SJ, ein junger Ungar, dessen durch mangelnde Deutschkenntnisse begründeter Autoritätsschwund durch seine großartige Liebenswürdigkeit und Freundlichkeit ausgeglichen wurde. Professor Fritz Kölble begann den Kollegschor aufzubauen, der Ende der 40er, Anfang der 50er weit über St. Blasien hinaus künstlerische Anerkennung erfuhr. Die Blaskapelle des Kollegs unter ihrem Dirigenten Schuster wurde zum Liebling aller Schüler und erfreute sich ungeheurer Popularität (einer der Bläser war frühzeitig Addi von Kerssenbrock, heute P. Kerssenbrock SJ in der Bronx von New York).</p>



<p>Wenn man liest, dass ein Schwerkriegsverletzter, nämlich der edle Reginbert von Seldendüren, ein Soldat, der in den Diensten Kaiser Heinrichs und Otto des Großen stand, nach seiner Genesung sein Vermögen den Benediktiner-Mönchen im Albtal vermachte und dadurch die ökonomische Basis für die Gründung des Klosters gelegt hatte, wird man daran erinnert, dass nach dem 2. Weltkrieg auch eine große Anzahl von ehemaligen Soldaten, die durch den Krieg gehindert worden waren, ihr Abitur zu machen, in St. Blasien dies nachgeholt hat.</p>



<p><strong>Mädchen am Kolleg &#8211; erwünschte, aber unerfüllte Vorstellung</strong></p>



<p>Unter den Neubürgern der Stadt war auch eine Reihe von Künstlern, die mit dem Kolleg zusammenarbeiteten und Musikunterricht gaben. In den ersten Jahren kam es oft zu hervorragenden Musikveranstaltungen, vor allem zu Kammermusikabenden, die von weltbekannten Künstlern wie Heinrich Schulnus gestaltet wurden.</p>



<p>Am 03.April 1946 war das Kolleg wiedereröffnet worden, und wenige Wochen danach begann der Unterricht mit 196 internen Schülern. Die damals 15- und 16jährigen, die in die Schule kamen, stellten dann den Abiturjahrgang des Jahres 1949. Im Jahre 1981 hatte das Kolleg 600 Schüler, heute etwa 800, davon 500 Externe. 1965 wurde das erste Mädchen in die Schule aufgenommen, 1971 waren es bereits 170, und seit dem Sommer 1989 gibt es sogar außer dem Internat für Jungen auch ein Internat für Mädchen, das in der völlig umgebauten alten Klostermühle eingerichtet wurde.</p>



<p>Für die Altblasier, die 1949 das Abitur machten, war dies damals eine zwar insgeheim erwünschte, aber noch unerfüllbare Vorstellung. Dabei gab es schon damals den Birklehof bei Hinterzarten, eine Dependance der Internatsschule von Salem, in der die Koedukation von Jungen und Mädchen bereits selbstverständlich war. Später entstand eine Partnerschaft zwischen dem Kolleg St. Blasien und der Mädchen-Schule und Internat Kloster Wald bei Sigmaringen, was zu regelmäßigen Begegnungen der jeweiligen Schülerinnen und Schüler der Kollegien führte.</p>



<p>In den Genuss dieser emanzipatorischen Entwicklung sind jedoch die Abiturienten des Jahrgangs 1949 nie gekommen. Irgendwo hatte aber die damalige Kollegsleitung, vor allem der Genaralpräfekt P. Frank gespürt, dass es ganz ohne Mädchen auch nicht geht, und so kam man auf die kühne Idee, einen Tanzkurs zu organisieren, der aber aus naheliegenden Gründen nicht in St. Blasien abgehalten werden sollte. Man kam schließlich auf die Idee, sogar einen Tanzkurs mit den Schülerinnen des Gymnasiums und Internats der Ursulinen in Freiburg durchzuführen. Zu diesem Zweck wurden die Leute aus der Oberabteilung eines Nachmittags auf den kollegseigenen Lastwagen verfrachtet und nach Freiburg hinuntergefahren. Die Veranstaltung wurde jedoch nach zwei „Begegnungen“ beendet, weil die Kollegianer sich offenbar derartig grobschlächtig aufgeführt hatten, dass die Mädchen sich weigerten, weiter an den Kursen teilzunehmen. Damit war dann das Experiment für die damaligen Schuljahrsabgänge vorerst erledigt.</p>



<p>Natürlich konnte der Drang nach dem weiblichen Geschlecht auch von den Jesuiten nicht unterdrückt werden. Die Natur bahnte sich mit Gewalt ihren Weg, das heißt, es gab bisweilen nächtliche Ausflüge in ein berühmtes Restaurant in Häusern, den „Albtalblick“, oder ins „Café EIl“ von St. Blasien, wo für manchen Kollegianer die ersten zarten Bande geknüpft wurden, was aber in einzelnen Fällen, nachdem es ruchbar wurde, zum Rausschmiss aus dem Kolleg führte.</p>



<p><strong>Bei Goethes Faust entwickelte sich eine fast tragische Dramatik</strong></p>



<p>Eine besondere Dramatik entwickelte sich anläßlich des Versuches der Abiturklasse 1949, unter der Regie des schon erwähnten und berühmten Pater Wiedemann, Goethes Faust 1. Teil zum Goethejahr von vor 50 Jahren aufzuführen. Während ich selber, der den Wagner als das Faktotum aus der ersten Szene des ersten Aktes spielen sollte, wegen schauspielerischer Unfähigkeit zum &#8218;zweiten Beleuchter&#8216; degradiert wurde, gab es in der Klasse herausragende Interpreten des Faust und des Mephisto. Die jesuitische Theaterintendanz machte jedoch den entscheidenden Fehler, anstatt das Gretchen aus jüngeren Jahrgängen des Kollegs zu rekrutieren, ein leibhaftiges Mädchen, eine schöne Bekannte unseres Faustdarstellers, als Schauspielerin zu engagieren. Was schließlich zu Liebes- und Eifersuchtsdramen mehrerer Hauptdarsteller führte und schließlich mit einem Selbstmordversuch im eiskalten Albfluss in einer Februarnacht des Jahres 1949 endete. Die weitere Theaterarbeit wurde daraufhin von der höchsten Kollegsleitung gestoppt und die beteiligten Darsteller gezwungen, sich wieder auf das Abitur im Sommer 1949 vorzubereiten.</p>



<p><strong>Per Lastwagen mit Holzvergaser vom Schluchsee nach St. Blasien</strong></p>



<p>Die Kollegsjahre von 1946 bis 1949 erinnerten zwar nicht gerade an den Wilden Westen, hatten aber doch einen Hauch von Pionierzeit aufzuweisen. Das begann schon mit der Anfahrt. Man fuhr mit der Eisenbahn nach Schluchsee, wobei zu Schulbeginn und Schulende jeweils ein Kurswagen ab Donaueschingen beziehungsweise Freiburg an den Zug angehängt wurde, in den die Kollegianer von ihren Wohnorten aus bequem zusteigen konnten. Diesen Komfort verdankten wir dem Umstand, dass der Bruder von P. Heitlinger der Bahnhofsvorstand in Donaueschingen war und von jenem zu dieser Vergünstigung bewogen werden konnte.</p>



<p>Mit der Eisenbahn konnte man also, wie gesagt, nur bis Schluchsee fahren. Von dort aus wurde man vom Kolleg mit einem Lastwagen abgeholt, und als ich zum ersten Mal 1946 dort ankam, war ich tief beeindruckt. Der Lastwagenmotor wurde von einem Holzgaskocher betrieben &#8211; ein Ungetüm auf der Ladefläche hinten schluckte zentnerweise kleine Holzstückchen, die nach einem unerfindlichen Verfahren in Gas verwandelt und einem Verbrennungsmotor zugeführt wurden, der heute mit Sicherheit schon auf zwei Kilometer Abstand vom TÜV aus dem Verkehr gezogen werden würde. Aber das Auto schaffte alle Steigungen und von Häusern an ging es ohnehin nur noch bergab ins Albtal hinunter. Damals sah ich in der Abendsonne zum ersten Mal die Kuppel des Domes von St. Blasien. Die vergoldete Kugel auf der &#8218;Spitze&#8216; sieht von unten wie ein kleiner Ball aus, sie ist jedoch so geräumig, dass darin, wie es in der ersten Baubeschreibung heißt, „ein Schuster mit seinem Lehrling darin arbeiten kann“. Natürlich sind einige wenige von uns während der Kollegszeit verbotenerweise in diese Kugel aufgestiegen, wobei das Hauptproblem darin bestand, beim Erklettern der die Kuppel tragenden, gebogenen inneren Holzgerüste nicht danebenzutreten, weil man dann durch den Stuck hindurchgestürzt und rund 60 m tief vor dem Hochaltar gelandet wäre…</p>



<p>In St. Blasien haben auch einige von uns das Skifahren gelernt. Wir fuhren damals noch mit Holzskiern und der Verschleiß war entsprechend, die Technik miserabel. Aber schon damals ging es mit Rasanz das &#8218;Fahler Loch&#8216; hinunter und auf den Feldberg wieder hinauf, ohne Steighilfe, und nach St. Blasien zurück &#8211; alles an einem Tag, denn meistens war es bei den Skiausflügen nicht erlaubt, im Caritashaus auf dem Feldberg zu übernachten, obwohl die Schwestern gern für die Kollegianer aus St. Blasien die Tore ihres Caritasheimes weit aufzumachen bereit waren. Erkältungskrankheiten im Winter wurden damals dadurch auskuriert, dass man an einem Tag auf den Feldberg rannte, dadurch eine Schwitzkur absolvierte und am Abend gesund wieder im Kolleg ankam.</p>



<p><strong>Lebensmittel-LKW aus dem Vatikan</strong></p>



<p>Die Jahrgänge 1946 bis 1949 erlebten auch insofern Pionierzeiten, als an den Kollegianern ausprobiert wurde, was für den Menschen gerade noch essbar ist. In den ersten zwei Jahren, 1946 und 1947, hatten wir ständig Hunger, und das Hauptproblem der Kollegsleitung bestand darin, für rund 200 Jugendliche und Heranwachsende das nötige Essen zu beschaffen. In ihrer Not verfiel sie auf die Idee, uns tagelang eine Kartoffelfrucht namens Topinambur vorzusetzen, deren Verzehr wegen ihres ekelhaften Geschmacks bei vielen zu Übelkeit, Erbrechen und Schlimmerem führte. Seit dieser Zeit wird sie nur noch zum Schnapsbrennen und zur Schweinemast verwendet. Ausgleich gab es dadurch, dass es einmal in der Woche, nämlich am Samstag, unbeschränkt Eintopf zu essen gab, in der Regel Erbsen- oder Linseneintopf. Die Leute schlugen sich die Bäuche voll, dass sie sich vom Esssaal nur noch zu ebener Erde in den Patresgarten schleppen konnten und dort zunächst zwecks Verdauung zwei Stunden liegen blieben.</p>



<p>Eine kulinarische Abwechslung gab es durch die sogenannten &#8218;Papstwecken&#8216;. Der Direktor des Kollegs, P. Otto Faller SJ, war während des Krieges engster Berater von Pius XII. in Rom gewesen, so dass dieser deutschfreundliche Papst regelmäßig Lebensmittel per Lastwagen mit Vatikan-Kennzeichen von Rom nach St. Blasien schickte. So gab es u.a. sonntagabends immer für jeden zwei dieser Papstwecken mit Apfelkompott. Erst 1948/49 wurde die Kollegsverpflegung dann besser.</p>



<p><strong>Die Ziegelfeld-Affaire: ‚Bärenstarke Roßknechte‘</strong></p>



<p>Das Kolleg ging damals auf Nummer sicher und legte einen eigenen riesigen Kartoffelacker auf dem sog. Ziegelfeld an, der, als die Feldfrüchte reiften, im Herbst nachts von Kollegianern bewacht werden sollte. Diese Wachen wurden im Herbst 1947 eines nachts von angeblichen &#8218;Roßknechten&#8216; aus Ibach überfallen und windelweich gehauen. Die Fahndungen verliefen jedoch ergebnislos, bis eines morgens in einer Schlucht zusammengefaltete Seiten mit Griechisch-Vokabeln gefunden wurden &#8211; offenbar von einem der Roßknechte als Huteinlage verwendet worden. Durch akribische Schriftvergleiche des Griechischlehrers wurde der Inhaber des Schriftstücks identifiziert und die vier &#8218;Roßknechte&#8216; wurden als Oberstufen-Kollegianer enttarnt.</p>



<p><strong>Erste Begegnung mit der Katholischen Soziallehre</strong></p>



<p>Ich will es bei diesen persönlichen Erinnerungen belassen. Es ist natürlich noch wesentlich mehr passiert. Nicht jeder war als Kollegianer gleichermaßen glücklich, aber die allermeisten haben ihre alte Schule in bester Erinnerung und ihre innere Beziehung nie abgebrochen. Ich selber war vom Kolleg und vor allem von den Erziehern und Lehrern, den Jesuitenpatres, begeistert. Wir bekamen eine sehr gute schulische Ausbildung, und die persönlich-charakterliche Erziehung im Internat hat sich für die allermeisten für ihren späteren Beruf und Lebensweg positiv ausgewirkt. In St. Blasien erfuhr ich zum ersten Mal Näheres über die katholische Soziallehre, was mein späteres Leben entscheidend beeinflussen sollte. Wir lernten hier auch die großen Philosophen des Ordens, von Nell-Breuning, Hirschmann, Lotz, um nur einige zu nennen, aus nächster Nähe kennen… Ich bin daher meiner alten Schule dankbar, dass sie mich auf mein späteres Leben gut vorbereitet hat. Sie hat meinen Horizont, wie es sich für Jesuiten gehört, erweitert, internationale Perspektiven aufgezeigt und soziale Verantwortung eingeübt.</p>



<p>Aus dem Kolleg kamen keine verklemmten Spießer, sondern gedanklich weltoffene junge Menschen, die sich allerdings auf die Freiheit des Studentenlebens freuten, die sie im Kolleg (noch) nicht bekommen konnten. Heute ist die Erziehung am Kolleg lockerer und das hat sicher auch seine Vorteile. Ich persönlich habe sehr gute Erinnerungen an diese Zeit, an die Menschen, die mich erzogen und gebildet haben. Ich habe, nicht nur unter meinen Klassenkameraden, viele Freunde gewonnen, wofür ich ebenfalls dankbar bin, und möchte die Jesuiten ermuntern, das Kolleg St. Blasien nie aufzugeben. In der Bildungslandschaft des Südwestens Deutschlands würde sonst eine großartige Bildungseinrichtung fehlen, die nur schwer durch eine andere Schule ersetzt werden könnte.<br></p>



<p><em>(Foto: Altkollegianer&nbsp;<a rel="noreferrer noopener" href="https://www.wolfgangstahl.com" target="_blank">Wolfgang Stahl</a>)</em></p>



<p><em>Der Originaltext, zuerst veröffentlicht im „<a href="https://www.stellaner.de">Stellaner</a> Informationsdienst“ 07/1999, wurde der Rechtschreibreform gemäß aktualisiert, einige Schreibweisen jedoch belassen.</em></p>



<p></p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>„Das können Sie morgen in der Zeitung nachlesen, wenn ich mich traue”.&#160;</title>
		<link>https://kollegsgeschichten.de/1987/das-koennen-sie-morgen-in-der-zeitung-nachlesen-wenn-ich-mich-traue/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Arend Küster]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 06 Aug 2023 20:19:55 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[1987]]></category>
		<category><![CDATA[Adalbert Kemna]]></category>
		<category><![CDATA[extern]]></category>
		<category><![CDATA[Pater Leu]]></category>
		<category><![CDATA[prägung]]></category>
		<category><![CDATA[studiobühne]]></category>
		<category><![CDATA[theater]]></category>
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					<description><![CDATA[Pater Leu, Patrick Süskind und ein Kontrabass  - oder: Die Geschichte einer Transformation
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p><strong>Pater Leu, Patrick Süskind und ein Kontrabass&nbsp; &#8211; oder: Die Geschichte einer Transformation</strong></p>



<p>Als ich im Juni 1985 als externer Schüler nach St. Blasien kam, war mir indirekt die Chance schon klar, die sich mir geboten hat. Als jüngster von fünf Kindern war ich zuvor in Stuttgart auf die gleiche Schule wie meine Geschwister gegangen, die bis zu 12 Jahre älter waren als ich. Wir hatten dort also einen gewissen notorischen Bekanntheitsgrad erlangt, auch da meine Mutter seinerzeit die Vorsitzende des Elternbeirats war. Ich wurde also ständig am Verhalten oder den Ergebnissen meiner älteren Geschwister gemessen. Was zunächst von mir mit erstaunlicher Arroganz aufgegriffen wurde und sich schnell in den ersten Konflikten (wie der ersten sechs und einem ausgeschlagenen und seither fehlenden Schneidezahn) widerspiegelte, wurde ein allgemeiner schulischer Alptraum &#8211; bis sich die Chance auf einen Neuanfang am Kolleg bot.</p>



<p>So kam ich als einigermaßen verschüchterter Elftklässler nach St. Blasien und in diesem Zustand traf ich auf eine herausragende Gruppe von Mitschülern &#8211; und Pater Leu. Wir waren theaterverrückt, und Pater Leu hatte jeden Pfennig in die Bühnen des Kollegs gesteckt, den er durch Buchbesprechungen und andere Nebeneinkünfte, die ein Jesuitenpater so haben darf, verdiente. Eines Tages präsentierte er uns stolz seine neueste Errungenschaft: die Studiobühne. Intim, direkt und mit einer vollständigen Beleuchtungsanlage ausgestattet, samt Mischpult. Der perfekte Ort für Experimente. Wir führten damals zur Einweihung Priestleys Drama “Ein Inspektor kommt” auf.</p>



<p>Nachdem ich vorher immerhin beim Pfingsttheater einen Grossbauern in Brechts Kaukasischen Kreidekreis erfolgreich mit etwa einem Satz hinbekommen hatte, spielte ich nun einen Verlobten, der sogar auch mal etwas mehr sagen durfte. Das Problem nämlich war, dass ich stotterte. Und es war eine ungeheure Überwindung, etwas zu sagen, weil die Angst, dass ich hängenbleiben würde, immer mitsprach.</p>



<p>P. Leu allerdings war in vieler Hinsicht ungewöhnlich. Mit seinem leicht ironischen Lächeln hatte er uns eigentlich ganz gut im Griff und man könnte ein Buch über seine Eigenheiten füllen, mit denen er uns lehrte und führte. Das überlasse ich aber lieber denen, die das Glück hatten, mehr Zeit mit ihm verbringen zu dürfen &#8211; ich hatte ja nur zwei Jahre das Vergnügen und war ausserdem Externer. Dennoch hat Pater Leu meinem Leben einen entscheidenden Impuls gegeben, für den ich ihm ein Leben lang dankbar bin.</p>



<p>Es muss irgendwann während der Proben zum Inspektor gewesen sein, als ich in einem Nebensatz leichtsinnig fallen ließ, dass die Studiobühne doch ein toller Ort wäre, den Kontrabass von Patrick Süskind aufzuführen. Nikolaus Paryla hatte damit in München einen Riesenerfolg und ich dachte, ein Einmannstück passe auf eine solche Bühne. P. Leu hat sich natürlich eine solche Leichtsinnigkeit gemerkt und teilte mir ein paar Tage später mit: “Arend, im Herbst machst du dann hier den Kontrabass”.&nbsp;</p>



<p>Oha.</p>



<p>Mir rutschte mein Herz in die Hosentasche. Wie sollte das gehen? Ich stottere doch. Meine Mitschüler nannten mich gerne A-A-Arend, weil manchmal schon meine Name zu viel war &#8211; man sollte die Brutalität von Mitschülern nie unterschätzen, aber auch nicht immer übelnehmen. Wie sollte ich also mit dem Druck umgehen, vor immerhin 60 Besuchern die Geschichte des Kontrabassisten am letzten Pult zu spielen? Einen, der sich gnadenlos in eine der Rheintöchter („Sarah!!!“) verliebt hat und sich in seiner schallisolierten Wohnung für einen Abend in der Oper, wo ihn niemand sieht und wahrnimmt, unter Carlo Maria Giulini (natürlich, ein Italiener) bereit macht? Auf der Studiobühne würde mich allerdings jeder wahrnehmen. Gleichzeitig darf man als 18 jähriger ja auch nicht so einfach das Gesicht verlieren. Und eigentlich vertraute ich P. Leu ja auch. Wenn er meint, dass ich das kann, vielleicht kann ich es dann auch?&nbsp;</p>



<p>Adalbert Kemna kam dazu und gab mir den nötigen Sprachschliff und Rhetorikunterricht. Auch hier fand eine Weichenstellung zu meiner (beruflichen) Zukunft statt: Ich verdanke es ihm, dass ich seither über Bücher reden kann, die ich nur teilweise (oder auch gar nicht) gelesen habe &#8211; ein “Essential Lifeskill” für einen Verlagsmitarbeiter. Aber auch das wäre wirklich wieder eine andere Geschichte.</p>



<p>Statt auf mein Abitur zu lernen, verbrachte ich also einen ganzen Sommer damit, den Text des Kontrabasses zu lernen. Später sah ich einmal die Paryla Version in München und stellte fest, dass P. Leu beim Textstreichen relativ milde war. Wir brauchten damals etwa 90 Minuten, mit Pause also zwei Stunden. Der Profi war nach einer Stunde durch. Leu hatte allerdings gerade die Szenen gnadenlos zusammengestrichen, in denen der namenlose Kontrabassist sein Instrument zu sehr als Ersatzobjekt seiner angebeteten Sarah sublimierte. Ich aber dachte, dass ich diese Streichungen doch später beim Spielen wieder ausgleichen könne, schliesslich konnte er da dann nicht eingreifen. Als Schauspieler und einziger Darsteller hat man schließlich schon einen gewissen Gestaltungsspielraum.</p>



<p>Der Leu lieh mir auch ein Tonbandgerät, mit dem ich Musikclips oder auch den ohrenbetäubenden Krach der Müllabfuhr einspielen konnte. Ich nahm einen Kontrabass mit nach Hause, um dort in meinem Zimmer die Handhabung mit dem Kontrabass einzuüben, damit die Bewegungen mit dem Instrument möglichst natürlich und einigermaßen professionell wirkten. Mittlerweile hatte ich einen Führerschein und die von Herrn Kemna erlernten rhetorischen Kniffe fanden ihre erste sehr praktische Anwendung darin, meine Mutter erfolgreich zu überzeugen, mir das Auto öfter zu überlassen, um zu den Kontrabass-Proben ins Kolleg fahren zu können. So war ich in dieser Zeit, quantitativ gesehen, fast eher „intern“, abgesehen davon, dass ich nicht im Partykeller war oder im Bett zu Hause schlafen konnte. &nbsp;</p>



<p>Aber das Stottern! Leu nahm sich die Zeit, und studierte Nachmittag für Nachmittag den Kontrabass mit mir ein. Seine Zeit, Geduld und Passion, die er in das Projekt investierte, ist im Nachhinein weiterhin schwer in Worte zu fassen.</p>



<p>Ich lernte vom Leu, dass es hilft, zu wissen, was man sagen möchte, und las den Text von einem imaginären Buch im Kopf ab und änderte ihn nicht kurzfristig. Ich lernte, mich auf den Punkt zu konzentrieren und die Umgebung in dem Moment auszublenden, um mich auf das Gegenüber zu konzentrieren. Ich lernte jeden Zentimeter der Bühne kennen und hatte eine Karte mit den Punkten vor Augen, an denen ich einen bestimmten Satz sagen würde.</p>



<p>Auf dem Tisch der Junggesellenwohnung stand ein von mir gemaltes Schild: “Ich kaue gründlich, ich trinke massvoll”. Das war der Code für mich, langsam zu sprechen. Heute noch sage ich mir das vor jedem Vortrag oder einer Präsentation. Das mit dem Trinken war so eine Sache. Der Kontrabassist trank nämlich relativ gerne und relativ viel Bier. Dafür gab es einen echt bayerischen Bierkrug, der für mich allerdings immer nur mit einem Liter „hohes C“ gefüllt war, denn der Kopf musste klar bleiben, um die grammatikalischen Brüche des Textes aufrecht zu halten. Je mehr mein Alter Ego sich also in Rage redete, umso mehr brach die Grammatik auseinander; Sätze erstreckten sich über mehrere Seiten, hatten jegliche Satzstruktur verloren.</p>



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<p>Und dann war da diese wunderbare Passage:</p>



<p><em>“Wissen Sie, was ich brauche?</em></p>



<p><em>Ich brauche eine Frau, die ich nicht kriege.</em></p>



<p><em>Ob so wenig wie ich </em>sie<em> kriege,</em></p>



<p><em>brauche ich auch wieder keine”</em>.</p>



<p>Diesen Satz musste ich also &#8211; ohne zu stottern oder zu lachen &#8211; bringen. Schwierig, in einem akut- bzw. postpubertären Kollegsambiente! Dramaturgisch inszeniert, konnte ich mich danach schnell umdrehen, und einen Schluck Bier &#8211; ehm &#8211; „hohes C“ &#8211; trinken.&nbsp;</p>



<p>Es geschahen jetzt mehrere kleine Wunder: Das erste war, dass ich im grössten Probenstress vollkommen unerwartet in meinem schlechtesten Fach (Altgriechisch) eine eins für eine Übersetzung landete. Bis zum heutigen Tag habe ich dafür keine Erklärung. Ohnehin hatte ich zum Lernen so wenig Zeit, dass ich die wenige Zeit, die ich hatte, optimal nutzen musste. Eine weitere Lehre, die mich ebenso in meinem professionellen Leben weiter begleitet: Immer dann, wenn ich besonders viel um die Ohren habe, kann ich am Besten arbeiten.</p>



<p>Das grössere Wunder war dann aber, dass ich an sechs Abenden den Kontrabass auf die Bühne brachte &#8211; ohne wesentlich zu stottern. Es ging also. Es machte richtig Spass und ich lernte, mit dem Druck umzugehen. Und auch meine Mitschüler waren überrascht. Ob ich mich als echter Kontrabassist getraut hätte, lauthals nach “Sarah!” zu rufen, in einem Saal, in dem es nach “frischgewaschenen Frauenrücken duftet”, bevor Herr Giulini mit wehenden Haaren erscheint? Keine Ahnung. Ich habe mich auf andere Weise getraut.</p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img decoding="async" width="682" height="1024" src="https://kollegsgeschichten.de/wp-content/uploads/2023/08/20230708_ArendG7x_17427-Enhanced-NR-682x1024.jpg" alt="" class="wp-image-635" srcset="https://kollegsgeschichten.de/wp-content/uploads/2023/08/20230708_ArendG7x_17427-Enhanced-NR-682x1024.jpg 682w, https://kollegsgeschichten.de/wp-content/uploads/2023/08/20230708_ArendG7x_17427-Enhanced-NR-200x300.jpg 200w, https://kollegsgeschichten.de/wp-content/uploads/2023/08/20230708_ArendG7x_17427-Enhanced-NR-768x1152.jpg 768w, https://kollegsgeschichten.de/wp-content/uploads/2023/08/20230708_ArendG7x_17427-Enhanced-NR-1024x1536.jpg 1024w, https://kollegsgeschichten.de/wp-content/uploads/2023/08/20230708_ArendG7x_17427-Enhanced-NR-1365x2048.jpg 1365w, https://kollegsgeschichten.de/wp-content/uploads/2023/08/20230708_ArendG7x_17427-Enhanced-NR-scaled.jpg 1706w" sizes="(max-width: 682px) 100vw, 682px" /></figure>



<p>Erst kürzlich sprach ich mit einer Wissenschaftlerin aus Yale, die den schönen Satz sagte: “I only take on projects, that make me nauseous at the beginning”. Der Kontrabass war das erste Projekt für mich, bei dem mir am Anfang schlecht wurde. Aber durch das Vertrauen, das auf mich gesetzt wurde, die schrittweise Vorbereitung und die intensive Arbeit daran, wurde es doch umgesetzt und verwirklicht. Pater Leu hat mich bleibend verändert.</p>



<p>Viele Jahre später weiss ich, dass ich am Kolleg immer noch mit dem Kontrabass und der damit verbundenen Transformation in Verbindung gebracht werde. Ich denke nahezu täglich an P. Leu und sein Vertrauen, und versuche, das jetzt auch an Kollegen weiterzugeben, indem ich Aufgaben entsprechend delegiere, und als Coach versuche, Vertrauen zu sich selber aufzubauen.</p>



<p>Das mit dem Stottern habe ich mittlerweile einigermassen im Griff, und ja, ich setze es manchmal als Stilmittel in Vorträgen ein. Herr Kemna wäre stolz.&nbsp;</p>



<p>Eines ist sicher: Ohne das Kolleg, den Kontrabass und P. Leu wäre mein Leben anders verlaufen.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Krisen</title>
		<link>https://kollegsgeschichten.de/1965/krisen/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Hieronymus Fürst Clary]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 11 Jun 2023 11:22:07 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[1965]]></category>
		<category><![CDATA[kubakrise]]></category>
		<category><![CDATA[politik]]></category>
		<category><![CDATA[prägung]]></category>
		<category><![CDATA[radio]]></category>
		<category><![CDATA[weltgeschehen]]></category>
		<category><![CDATA[zeitreise]]></category>
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					<description><![CDATA[Aktuelle Ereignisse bringen dem Autor Erlebnisse aus seiner Kollegszeit detailliert in Erinnerung und er nimmt uns mit auf eine spannende Zeitreise in eine Vergangenheit des Kollegs zu Zeiten der Kuba-Krise. Er schildert anschaulich, wie er das Weltgeschehen damals als heranwachsender Kollegianer wahrnahm, als die Zeitung erst einen Tag später kam, ohne Internet und weder Fernsehen noch Radios waren erlaubt - nur beim Präfekten im Zimmer, wenn dieser denn Zeit hatte.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p><strong>11. Juni 2023</strong><br>Seit dem 24. Februar 2022 ist Krieg in der Ukraine, der nun schon 473 Tage andauert. <br>Damals und seitdem immer wieder muss ich an Überlegungen und Befürchtungen denken, die ich ähnlich schon einmal erlebt hatte: Die Zeit, von der ich dabei zu erzählen habe, liegt sehr lange zurück. Es war damals nicht alles anders als heute, aber doch vieles. </p>



<p>Ich kam am 24. April 1956 ins Kolleg St. Blasien. Das Kolleg hatte damals ca. 500 interne Schüler, vielleicht 20 externe Schüler und gar keine Schülerinnen. Schulisch war alles in Klassen gegliedert, im Internat in Abteilungen. Diese wurden von Präfekten geleitet, jungen Jesuiten, die seit ihrem Ordenseintritt bis dahin nur das Noviziat hinter sich hatten.</p>



<p>Jedem dieser Abteilungen war ein Studiensaal, ein Schlafsaal und ein Spielsaal zugeordnet, die altersgerecht ausgestattet waren. Die Kleinen durften fast nichts, aber im Spielsaal der 8. Abteilung, der OA, gab es dann schon einen Billardtisch, Zeitungen und ein Radio. Eigene Radios waren nicht erlaubt, was aber dann zunehmend unterlaufen wurde, je kleiner solche Geräte und je billiger Kopfhörer wurden. Fernsehen aber war streng für die OA reglementiert, es sei denn, dass es so Wichtiges zu sehen gab, wie z.B. 1963 die Eröffnung des II. Vatikanischen Konzils, was zu diesem Anlass sogar in der Turnhalle auf eine große Leinwand projiziert wurde. </p>



<p>Was sonst aber so in der Welt vorging, erfuhr man im Kolleg nur von den Lehrern, den Präfekten, den Externen oder denjenigen unter uns, die von den Zeitungen auch die ersten Seiten lasen. Ich selbst wollte irgendwann einmal möglichst aktuell informiert sein und ließ mir deshalb ab ca. 1960 eine Tageszeitung abonnieren, die am jeweils nächsten Tag mit der Post kam.</p>



<p>So war ich auch immer über die Entwicklung in Kuba informiert. Nach und nach hatten wir nämlich alle erfahren, daß 1959 ein junger 32-jähriger Rechtsanwalt, der Fidel Castro hieß, in Kuba einen Umsturz der Regierung erreicht hatte. Er beabsichtigte, die Insel vom US-amerikanischen Einfluss zu lösen und begann deshalb, in Kuba den Kommunismus einzuführen, was wiederum im Westen von keiner Regierung begrüßt wurde. Im damals bestehenden Ost-West-Gegensatz führte das vielmehr sofort zur Ablehnung des neuen Regimes durch die USA, und diese Ablehnung wurde durch die zahlreichen Exil-Kubaner verstärkt, denn in Kuba wurde unter Castro dann nicht nur die Mafia enteignet, sondern alle, die etwas hatten oder etwas konnten, und viele davon flohen nach Florida. Um an der Macht zu bleiben, brauchte Castro deshalb aber von woanders her Unterstützung, und die Sowjetunion war dazu nur allzu gerne bereit. Auch die UdSSR hat dies wohl nicht aus kommunistischem Idealismus getan, sondern in der Absicht, endlich unmittelbar vor der US-amerikanischen Küste einen Stützpunkt zu bekommen und damit im Ost-West Konflikt einen wertvollen Stich zu machen. </p>



<p><em>πάντα ῥεῖ</em>, wie der alte Grieche sagt, gilt und galt: Die politische Lage blieb nicht konstant, sondern entwickelte sich. In der Sowjetunion war Nikita Chruschtschow an die Macht gekommen, der amerikanische Präsident hieß ab 1961 John .F Kennedy, und die kubanische Revolution festigte sich, ohne im Westen anerkannt oder geduldet zu werden &#8211; und auch wir Kollegianer wurden jedes Jahr ein Jahr älter. T<em>empora mutantur, nos et mutamur in illis</em>, wie der alte Römer sagt.</p>



<p>So wurde in diesen Jahren im Kolleg auch ein Teil der bis dahin bestehenden Studier- und Schlafsäle umgebaut und zu Studierzimmern mit vier Schreibtischen und Schlafräumen mit sechs Alkoven sowie Waschgelegenheiten eingerichtet. In den beiden Stockwerken über der Küche waren wir in der 7. Abteilung und der OA dann die ersten, die diese Neuerungen beziehen konnten.</p>



<p>Obwohl auch in diesen Zimmern ab 16:15 Uhr bis 18:00 Uhr das übliche Schweigegebot gefordert war und um 21:30 Uhr “<em>Licht aus” </em>galt, ergaben sich doch leichter Gelegenheiten, mit den Kameraden während des Studiums oder dann in den Schlafräumen auch mal über die Sperrstunde hinaus Gespräche zu führen. Man lernte so halt, mit den Gegebenheiten umzugehen, auch wenn es nicht das Einzige, aber auch nicht das Schlechteste war, was wir dort lernten.</p>



<p>Nachmittags war Sport, musische Ausbildung oder Spaziergang, und auf diesen Spaziergängen tauschte man sich &#8211; heranwachsend &#8211; dann weniger über Filme und dergleichen, sondern zunehmend auch über Politik und die politische Lage aus. Neben allem, was auf der Erde geschah, hatte ja auch ein spannender Wettkampf um das Firmament begonnen. Die Sowjetunion, von uns damals eher umgangssprachlich “Russland” genannt, hatte mit Sputnik, dem ersten Satelliten, vorgelegt; die Amerikaner aber, dadurch gereizt, legten verschärft und erfolgreich nach. Sie entwickelten zudem einen Fernaufklärer, die U-2, ein Flugzeug, das aus damals unvorstellbar großen Höhen alles fotografieren konnten, was man sehen und wissen wollte. Man interessierte sich z.B. dafür, ob bei den Russen gute oder schlechte Ernten zu erwarten waren und vieles andere, aber natürlich und vor allem auch für die militärische Infrastruktur.</p>



<p>In dieser Zeit lösten sich auch in Afrika die englischen und französischen Kolonien auf, und fast monatlich entstanden neue Staaten mit neuen Problemen. Es war viel los überall auf der Welt. Immer wieder gab es auch Nachrichten über Kuba, vor allem, als dort eine von Exil-Kubanern durchgeführte Befreiungsinvasion in der Schweinebucht scheiterte. </p>



<p>1962 kam es dann plötzlich zu sensationellen Enthüllungen. Nein, es war kein Fake, wie es Graham Green in seinem „Our man in Havanna&#8220; (sehr lesenswert) geschrieben hat. Tatsächlich entdeckte die CIA durch die Aufklärungsflüge der U-2 Raketenbasen und russische Raketen auf Kuba: 200 Meilen vor Florida, 1.600 Meilen vor Washington, 2.000 Meilen vor New York; Flugzeit 5 min, 20 min, 30 min.</p>



<p>Da war dann Schluss mit Lustig.</p>



<p>„Nur zur Verteidigung“, sagten die Russen.</p>



<p>„Angriffsgeeignet“, sagten die Amerikaner und: „Nicht vor unserer Haustür.&#8220;</p>



<p>„In Finnland und der Türkei gibt es doch auch Raketen“, entgegneten die Russen. </p>



<p>„Nur zur Verteidigung“, erklärten die USA.</p>



<p>Alles so, wie immer &#8211; damals halt.</p>



<p>Aber es schien, als wollten beide Seiten diesmal aus dem bekannten Hick-Hack-Spiel ernst werden lassen. Keiner konnte nachgeben, ohne das Gesicht zu verlieren. Schwierig.</p>



<p>„Abzug“, forderten die Amerikaner.</p>



<p>„Weiterer Ausbau“, beharrten die Russen.</p>



<p>„Dann wird Kuba blockiert“, trumpften die Amerikaner.&nbsp;</p>



<p>„Da brechen wir durch“, stachen die Russen.</p>



<p>So ging es in den Oktober 1962; es wurde bedrückend. Wer würde nachgeben oder nachgeben müssen? Wer würde sich durchsetzen können?</p>



<p>Kennedy konnte nicht nachgeben. Chruschtschow hätte gekonnt, wollte aber nicht. Noch schwieriger.</p>



<p>Man erinnert sich an den Film „12 Uhr mittags&#8220;, in welchem bis zu diesem Zeitpunkt noch keine Lösung in Sicht war &#8211; außer dem Shoot-out halt. Ganz schwierig.</p>



<p>Und wir in St. Blasien? Zeitung erst einen Tag später, kein Fernsehen, Radios nicht erlaubt, nur beim Präfekten im Zimmer, wenn er Zeit hatte. Schließlich kamen doch die heimlichen Transistor-Radios zum Vorschein. Es war zu wichtig, aktuell informiert zu sein. Es ging um unsere Zukunft!</p>



<p>Die Russen blieben ungerührt. Mehrere Schiffe seien auf dem Weg nach Kuba, wurde verlautbart, eines mit weiteren Raketen schon im Atlantik, begleitet von U-Booten mit Atomwaffen. Die USA hatten sowieso immer Bomber mit Atomwaffen am Himmel.</p>



<p>Das war die Kuba-Krise.</p>



<p><strong>27 .Oktober 1962</strong><br>Die USA verkündet, kein weiteres russisches Schiff mehr nach Kuba zu lassen. Die UdSSR sagt: „Njet, wir fahren”.</p>



<p>Es wird davon berichtet, dass die USA wirklich keinen Bruch der Blockade zulassen werden und bereit seien, Waffengewalt anzuwenden. Beide Seiten erklärten, wenn es dazu komme, würden Atomwaffen eingesetzt. Davon wären auch wir in Europa direkt betroffen.</p>



<p>Die Amerikaner zwingen ein russisches U-Boot zum Auftauchen. Das russische Schiff aber, das auf Kuba zufährt, fährt weiter und befindet sich in der Mitte des Atlantiks, etwa vier Zeitzonen weiter als Europa, Kuba fünf Zeitzonen, Washington sechs.</p>



<p>Bis um 21:00 Uhr St. Blasien (17:00 Uhr Atlantik, 16:00 Uhr Kuba, 15:00 Uhr Washington) hat noch niemand nachgegeben, aber wir müssen schon die Studierzimmer verlassen. Im Schlafraum wird heftig weiter diskutiert. Wird einer nachgeben? Wer wird auf den roten Knopf drücken? Wird das russische Schiff doch anhalten oder gar umdrehen? Werden die Amerikaner die Weiterfahrt doch zulassen? </p>



<p>Jeder von uns ist mal Kennedy und gleich danach wieder Chruschtschow und dann wieder umgekehrt.</p>



<p>Aus unseren kleinen Radios erfährt man nichts Genaues; nur soviel, dass Kennedy ultimativ das Abdrehen des Raketenschiffes gefordert hat, heute noch. 24:00 Uhr Washington ist 01:00 Kuba, 02:00 Atlantik, 06:00 St. Blasien.</p>



<p>Der Präfekt macht die Tür auf: „Licht aus, jetzt, es ist schon 22:15 Uhr! Morgen ist auch noch ein Tag“. Wird morgen noch ein Tag sein ? Wenn die Atomraketen fliegen sollten, wird zwar morgen noch ein Tag sein, aber wir werden ihn wohl nicht mehr erleben. Wir schließen das Schlimmste nicht aus, geben aber doch dem Ruf zur Ordnung nach. Jeder verabschiedet sich von allen fünf anderen, bis wo immer wir auch wieder zusammen sein sollten. </p>



<p>Samstag ist es, 22:30 Uhr (18:30 Uhr Atlantik, 17:30 Uhr Kuba, 16:30 Uhr Washington), als schließlich „Licht aus&#8220; ist. Ich kann noch lange nicht schlafen, weil ich mich noch an so vieles zurückdenke &#8211; und auch mal wieder bete. </p>



<p><strong>28. Oktober1962</strong><br>06:45Uhr; Tür auf, „Guten Morgen, aufstehen!&#8220;</p>



<p>Es war der Präfekt, nicht Petrus oder gar der gerechte Richter. Erleichtert und neugierig fuhren wir aus den Betten.</p>



<p>„Das russische Schiff hat heute Nacht abgedreht.“</p>



<p>Die <a href="https://www.dom-st-blasien.de/die-glocken-des-doms.html" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Glocken des Doms</a> begannen zu läuten.</p>



<p>Es war Sonntag &#8211; und wir lebten!<br></p>



<p><strong>11. Juni 2023 </strong><br>Jetzt und heute leben wir immer noch.<br> <br>Auch heutzutage noch läuten Glocken den Sonntag ein.<br><br>Wenn nur endlich jetzt auch noch das Schiff abdrehen würde.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>When I get older, losing my hair . . . when I’m sixty-four</title>
		<link>https://kollegsgeschichten.de/1974/when-i-get-older-losing-my-hair-when-im-sixty-four/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Michael Praschma]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 16 Apr 2023 12:47:22 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[1974]]></category>
		<category><![CDATA[68er]]></category>
		<category><![CDATA[chor]]></category>
		<category><![CDATA[Herbert Kramer]]></category>
		<category><![CDATA[Pater Kiefl]]></category>
		<category><![CDATA[Pater Zieher]]></category>
		<category><![CDATA[prägung]]></category>
		<category><![CDATA[religion]]></category>
		<category><![CDATA[schulstreik]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://kollegsgeschichten.de/?p=556</guid>

					<description><![CDATA[Michael war gerade 64 geworden, als er von den "Kollegsreflexionen" erfuhr, aus denen jetzt die  "Kollegsgeschichten" geworden sind. Anhand der seinerzeit gestellten Intitialfragen präsentiert er uns nun eine Collage seiner Erinnerungen und ein Resümee seiner Kollegszeit.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p>Ich war tatsächlich gerade 64, als die Initiatoren der „Kollegsreflexionen“, aus denen jetzt diese Kollegsgeschichten geworden sind, dazu aufriefen, nun ja, eben zu reflektieren: „Wie hat dich das Leben im Kolleg geprägt und gab es in dieser Zeit Erlebnisse, die dich bis heute in deiner Entwicklung begleitet haben?“ Ein Resümee nach – huch! – knapp einem halben Jahrhundert.</p>



<p>Ins Kolleg kam ich1968, ein Jahr nach dem legendären Beatles-Song „When I&#8217;m Sixty-Four“ – nicht ganz freiwillig, denn meine Schulkarriere im staatlichen Gymnasium am Niederrhein hatte in der Untertertia grandios zu scheitern begonnen; aber ich war auch nicht widerwillig, mich in diesen über 500 Kilometer entfernten Ort verpflanzen zu lassen.&nbsp;</p>



<p>Also die Prägungen? Das Kolleg hat vor allem meine sozialen Fähigkeiten und mein ethisches Empfinden geprägt und meinem Denken (und Sprechen und Schreiben) eine dauerhaft tragfähige Struktur verliehen.<br><br>Mein Glück war die Mischung aus jesuitischer Rationalität und der offensiven sozialen Haltung meines zweiten, jetzt weltlichen, Präfekten Herbert Kramer, ausgebildeter Sozialarbeiter, hartnäckiger Hinterfrager und unkonventioneller Typ. Der Chor war daneben eine emotional sehr wichtige Aktivität; ich bin später noch in mehreren anderen Chören gewesen, die mich ebenfalls in mehrfacher Hinsicht bereichert haben. Hier hat der Kollegschor ein Fundament gelegt.<br><br>&nbsp;„Gibt es Erlebnisse, die du in der Rückschau heute anders bewertest als damals?“ – Erlebnisse eigentlich nicht; eher Einstellungen. Ich bin im Laufe meiner Kollegszeit tief religiös geworden, sowohl spirituell als auch &#8222;theologisch&#8220;. Heute bin ich – nach einigen Umwegen – kirchenkritischer Agnostiker. Das bedeutet aber nicht, dass ich mit der religiösen Prägung während meiner Kollegszeit hadere; sie bleibt eine wichtige Phase in meinem Leben.<br><br>&nbsp;<strong>Strenge Führung kann (!) das Verhandlungsgeschick fördern</strong></p>



<p>Was die größten Herausforderungen am Kolleg waren und was ich daraus gelernt habe, lautete eine weitere Frage. Für mich waren das weniger persönliche Herausforderungen als solche, von denen mehr oder weniger die ganze Kollegsgemeinschaft betroffen war. Ich habe mich am Kolleg sehr wohl gefühlt, vor allem, weil ich das dauernde Zusammensein mit Gleichaltrigen genoss. Besonders in der ersten Zeit am Kolleg &#8222;war&#8220; ich eher eine Herausforderung, als dass ich welche erfuhr. P. Zieher, mein erster Präfekt in der 4. Abteilung, schrieb tatsächlich in die erste Internatsbewertung: „Michael hat sich einer revolutionären Gruppe angeschlossen.“ – Begrifflich Unfug; unsere 6er-Tischgruppe war renitent, wenig regeltreu und „a pain in the ass“, aber Umsturzpläne hegten wir nicht.&nbsp;</p>



<p>Eine große <em>allgemeine</em> Herausforderung waren Auseinandersetzungen mit der Kollegsleitung. Dazu zählten u. a. der <a rel="noreferrer noopener" href="https://kollegsgeschichten.de/1971/politikum/" target="_blank">Schulstreik</a> wegen des Verbots, als Kollegsschüler den Jusos beizutreten, und heftige Auseinandersetzungen um die Entlassung eines bei uns sehr beliebten Lehrers, der aber bei der Kollegsleitung missliebig war.<br><br>Ich habe unter anderem als Abteilungsrat und Schülerrat viele harte Verhandlungen geführt, bis hinauf zu Kollegsdirektor P. Kiefl, und meine Fähigkeit, schriftlich und mündlich zu argumentieren, wurde dadurch intensiv geschult. Die gut vermittelte kommunikative und soziale Kompetenz, ein recht breit gestreutes Halbwissen (vulgo: humanistische Bildung) und die Fähigkeit, mich in sehr unterschiedliche Felder einzuarbeiten, sind auch Ergebnisse dieser Prägung durch das Kolleg, die ich bis heute in vielen Zusammenhängen nützlich finde.&nbsp;</p>



<p>Die Vorzüge bzw. Nachteile einer Internatsausbildung gegenüber regulären Schulen liegen für mich sehr klar auf der Hand. Die geübte Gemeinschaft über die schulischen Belange hinaus bietet hervorragende Chancen, eine wesentlich intensivere persönliche Entwicklung durchzumachen, wenn man denn die vielen Angebote aufgreift. Die andere Seite der Medaille ist – jedenfalls für mich – bei dem hohen Maß, in dem ich mich im Kolleg engagiert hatte, dass ich zugleich von meiner Umgebung &#8222;zu Hause&#8220; entwurzelt war. Das Kolleg war am Schluss, nach sechs Jahren und dem Abitur, mein eigentliches Zuhause geworden; ich fiel danach etwa ein Jahr lang in ein ziemlich tiefes Loch, bis ich wieder ein neues Umfeld hatte.<br><br>&nbsp;Aber:&nbsp; You can&#8217;t eat the cake and have it!&nbsp;</p>



<p></p>



<p>(Foto: &#8222;Schock&#8220;-Plakat von Miguel Lockett, Archiv des Autors)</p>



<p></p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Das Kolleg &#8211; Der Erzieher &#8211; Der Pädagoge</title>
		<link>https://kollegsgeschichten.de/1958/das-kolleg-der-erzieher-der-paedagoge/</link>
					<comments>https://kollegsgeschichten.de/1958/das-kolleg-der-erzieher-der-paedagoge/#respond</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Johann Wilhelm Römer]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 24 Dec 2022 12:13:46 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[1958]]></category>
		<category><![CDATA[Pater Adamek]]></category>
		<category><![CDATA[Pater Faller]]></category>
		<category><![CDATA[Pater Fiala]]></category>
		<category><![CDATA[prägung]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://kollegsgeschichten.de/?p=418</guid>

					<description><![CDATA[Altkollegianer Johann Wilhelm Römer (Abi 1958) erinnert sich dankbar und wertschätzend an herausragende Persönlichkeiten seiner Kollegszeit: Pater Faller, Pater Fiala und Pater Adamek. 

Seine Begegnungen mit ihnen wirken nach. Bis heute.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-medium-font-size"><strong>Das Kolleg</strong></p>


<div class="wp-block-image">
<figure class="alignleft size-large is-resized"><img decoding="async" src="https://kollegsgeschichten.de/wp-content/uploads/2022/12/SJ-Bild_49268_AB_dgr_Jes_003_Otto-Faller-760x1024.jpg" alt="" class="wp-image-422" width="435" height="585" srcset="https://kollegsgeschichten.de/wp-content/uploads/2022/12/SJ-Bild_49268_AB_dgr_Jes_003_Otto-Faller-760x1024.jpg 760w, https://kollegsgeschichten.de/wp-content/uploads/2022/12/SJ-Bild_49268_AB_dgr_Jes_003_Otto-Faller-223x300.jpg 223w, https://kollegsgeschichten.de/wp-content/uploads/2022/12/SJ-Bild_49268_AB_dgr_Jes_003_Otto-Faller-768x1034.jpg 768w, https://kollegsgeschichten.de/wp-content/uploads/2022/12/SJ-Bild_49268_AB_dgr_Jes_003_Otto-Faller-1141x1536.jpg 1141w, https://kollegsgeschichten.de/wp-content/uploads/2022/12/SJ-Bild_49268_AB_dgr_Jes_003_Otto-Faller-1521x2048.jpg 1521w, https://kollegsgeschichten.de/wp-content/uploads/2022/12/SJ-Bild_49268_AB_dgr_Jes_003_Otto-Faller-scaled.jpg 1901w" sizes="(max-width: 435px) 100vw, 435px" /><figcaption class="wp-element-caption">P. Faller SJ</figcaption></figure>
</div>


<p></p>



<p>Als ich 1949 in der Sexta die Schulbank drückte, war ich davon überzeugt, daß nach dem lieben Gott <strong>PATER FALLER</strong> einer der bedeutendsten Menschen auf der Welt ist. Ihm begegnete ich mit wirklicher Ehrfurcht, wobei die Betonung gleichermaßen auf beiden Worthälften lag. Wenn seine große, aufrecht schreitende Gestalt, um deren Lippen immer ein feines, wissendes Lächeln spielte, am anderen Ende einer der langen Kollegsgänge erschien, musste ich mich beim langsamen gegenseitigen Annähern fest darauf konzentrieren, ihn nicht mit „gelobt sei Jesus Christus“ sondern mit einem zaghaft gemurmelten „Grüß Gott P. Faller“ zu begrüßen.</p>



<p>Nein, Geschichten erzählte man sich bei uns nicht über P. Faller. Dafür waren die persönlichen Begegnungen von uns ganz jungen Kollegianern mit ihm wohl auch nicht intensiv genug. In unseren Kreisen kursierten auch keine Anekdoten über ihn. Allenfalls flüsterte man sich hinter vorgehaltener Hand zu: „ Der ist unheimlich gescheit, der weiß alles über Gott, spricht alle Sprachen und ist der beste Freund vom Papst“. Und es gab keine Zweifel daran, dass dies alles der Wirklichkeit entsprach, denn es wurde ja schon dadurch bewiesen, dass P. Faller für das Kolleg direkt vom Papst die berühmten Papstwecken bekam, etwas übergroße, aus blütenweißem Mehl gebackene Wecken, die für uns Kriegskinder ein kulinarischer Höhepunkt im wöchentlichen Einerlei der Kollegsküche waren.</p>



<p>Ja, P. Faller war das Kolleg. Zu ihm stand man &#8211; ohne Wenn und Aber,&nbsp; und vor allem, ohne sich wichtigtuerisch in Szene zu setzen. Das war für alle selbstverständlich, weil man sich einer gemeinsamen Sache und einer bemerkenswerten Persönlichkeit verpflichtet wusste.</p>



<p class="has-medium-font-size"><strong>Der Erzieher</strong></p>


<div class="wp-block-image">
<figure class="alignleft size-large is-resized"><img loading="lazy" decoding="async" src="https://kollegsgeschichten.de/wp-content/uploads/2022/12/SJ-Bild_48701_Fiala-Johannes-842-KB-718x1024.png" alt="" class="wp-image-424" width="396" height="565" srcset="https://kollegsgeschichten.de/wp-content/uploads/2022/12/SJ-Bild_48701_Fiala-Johannes-842-KB-718x1024.png 718w, https://kollegsgeschichten.de/wp-content/uploads/2022/12/SJ-Bild_48701_Fiala-Johannes-842-KB-210x300.png 210w, https://kollegsgeschichten.de/wp-content/uploads/2022/12/SJ-Bild_48701_Fiala-Johannes-842-KB-768x1095.png 768w, https://kollegsgeschichten.de/wp-content/uploads/2022/12/SJ-Bild_48701_Fiala-Johannes-842-KB-1077x1536.png 1077w, https://kollegsgeschichten.de/wp-content/uploads/2022/12/SJ-Bild_48701_Fiala-Johannes-842-KB-1436x2048.png 1436w, https://kollegsgeschichten.de/wp-content/uploads/2022/12/SJ-Bild_48701_Fiala-Johannes-842-KB.png 1900w" sizes="(max-width: 396px) 100vw, 396px" /><figcaption class="wp-element-caption">P. Fiala SJ</figcaption></figure>
</div>


<p>An <strong>PATER FIALA</strong> kam keiner von uns vorbei. Er war während unseres Aufenthalts im Kolleg unser akzeptierter Ersatzvater. Zu ihm entstand sogar eine gewisse emotionale Bindung: Nicht, dass man sich ihm aufdrängte, sondern eher nach dem Grundsatz „gehe&nbsp; nicht zu deinem Fürst, wenn du nicht gerufen wirst“ &#8211; aber er war in Ordnung. Daraus erwuchsen seine selbstverständliche Autorität, auch ein Vertrauensverhältnis. Man akzeptierte in aller Regel irgendwie seine erzieherischen Maßnahmen, hörte auf ihn und ließ sich von ihm in die Pflicht nehmen.</p>



<p>Er hatte ein gutes Gespür für seine Internatsbuben. Meine Mutter erzählte immer wieder einmal von einer Begegnung bei den in unregelmäßigen Abständen stattfindenden Gesprächen der Eltern mit P. Fiala über ihren Sohn, die natürlich ohne den Betroffenen stattfanden. Meine Mutter hat bei einer solchen Gelegenheit ihr Bedauern zum Ausdruck gebracht, daß ihr Bub zuhause halt so gar nichts von St. Blasien erzähle. P. Fiala hat darauf nur kurz und knapp geantwortet: „Dem lohnt es halt nicht“. Mit wie viel Heiterkeit meine Mutter diese Eröffnung ertragen hat, wollen wir hier nicht weiter vertiefen. Der Satz beweist aber, dass P. Fiala eine Menge Einfühlungsvermögen in die Gemütsverfassung eines Jünglings in den besten Flegeljahren hatte: Solche Phasen muss man gelassen aushalten und sie behutsam begleiten&nbsp; &#8211;&nbsp; eine Erfahrung auch für nachfolgende Generationen.</p>



<p>Mich selbst verbindet mit P. Fiala eine ganz unspektakuläre aber sehr persönliche Begegnung. Es war wohl in der Sekunda und ich musste dort einen für diesen Lebensabschnitt nicht untypischen Durchhänger gehabt haben, der einem sensiblen und aufmerksamen Begleiter wohl auffallen musste.&nbsp; In Frust und Unlust versunken schleppte ich mich in einer Unterrichtspause auf die Sheds. Unerwartet sprach mich plötzlich P. Fiala von der Seite an, den ich bis zu diesem Augenblick überhaupt nicht bemerkt hatte. Nach einem kurzen&nbsp; Frage- und Antwortspiel stellte er sachlich fest: „Aus dir wird einmal etwas“. Damit war das Gespräch beendet und P. Fiala verschwand von meiner Seite. Mich ließ er ziemlich ratlos zurück. Aus meinem „seelischen Tief“ hatte ich damals wohl bald herausgefunden, aber das Erlebnis wirkte nach. Der ganz ungewöhnliche, unübliche und eigentlich schon fast unzulässige Satz &#8211; wie darf ich mich so in die Zukunft eines Menschen hineindrängen&nbsp; &#8211;&nbsp; war weit mehr, als das schulterklopfende, über einen Tag hinwegtröstende „Du-schaffst-das-schon“.&nbsp; Es war eine Feststellung, ganz selbstverständlich und unaufgeregt, ohne jedes Pathos und schon gar nicht mit einem visionären Anspruch. P. Fiala bekannte sich ganz offen dazu, daß er an mich glaubte. Gerade darin lag die Langzeitwirkung: Dieses Erlebnis hat mich in meinem Leben immer wieder einmal eingeholt, gerade dann, wenn ich es mir eigentlich ein bisschen gemütlicher und bequemer machen wollte. Ob P. Fiala heute seine Feststellung als erfüllt bewerten würde, weiß ich nicht, aber sie hat mich immer wieder in die Pflicht genommen.</p>



<p>Es musste schon eine besondere Ausstrahlung von einem Mann ausgehen, wenn ein einziges kurzes Gespräch eine so nachhaltige Wirkung auf einen anderen hat. Es unterstreicht aber auch die Souveränität und Großmütigkeit von P. Fiala, ein Stück seiner eigenen Reputation zu riskieren, wenn es um seine Buben ging. Ja, auch der Erzieher P. Fiala hat wesentlich zum weit über St. Blasien hinausreichenden guten Ruf des Kollegs beigetragen.</p>



<p class="has-medium-font-size"><strong>Der Pädagoge</strong></p>


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<figure class="alignleft size-large is-resized"><img loading="lazy" decoding="async" src="https://kollegsgeschichten.de/wp-content/uploads/2022/12/SJ-Bild_48670_Adamek-Josef-580-KB-1024x941.png" alt="" class="wp-image-426" width="379" height="347" srcset="https://kollegsgeschichten.de/wp-content/uploads/2022/12/SJ-Bild_48670_Adamek-Josef-580-KB-1024x941.png 1024w, https://kollegsgeschichten.de/wp-content/uploads/2022/12/SJ-Bild_48670_Adamek-Josef-580-KB-300x276.png 300w, https://kollegsgeschichten.de/wp-content/uploads/2022/12/SJ-Bild_48670_Adamek-Josef-580-KB-768x706.png 768w, https://kollegsgeschichten.de/wp-content/uploads/2022/12/SJ-Bild_48670_Adamek-Josef-580-KB-1536x1412.png 1536w, https://kollegsgeschichten.de/wp-content/uploads/2022/12/SJ-Bild_48670_Adamek-Josef-580-KB.png 2000w" sizes="(max-width: 379px) 100vw, 379px" /><figcaption class="wp-element-caption">P. Adamek SJ</figcaption></figure>
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<p><strong>PATER ADAMEK</strong>&nbsp; war ein Allrounder. Er begleitete im Laufe seiner Kollegszeit bis ins hohe Alter die unterschiedlichsten, wichtigsten Positionen in der Schule und im Internat.</p>



<p>Aber hauptsächlich war er sicher Lehrer. Ich sehe ihn immer noch auf dem Tisch der ersten Bank sitzend, von wo er gütig, geduldig, einfühlsam aber durchaus auch mit unerbittlicher Strenge und Konzentration seine Stunden durchzog. Er konnte in nahezu allen Fächern einspringen, wenn über kürzere oder längere Zeit ein Lehrer ausfiel. Bei ihm war deshalb Griechisch nie nur Griechisch, sondern immer auch Geschichte, Philosophie, Religion. Er schaffte es sogar, zur Mathematik lebenspraktische Bezüge herzustellen. Wir haben sicher manchmal bei ihm gestöhnt, aber er hat nicht nur gefordert, sondern auch gefördert. Vieles ist bei ihm im Gedächtnis hängen geblieben. Lernen war bei ihm wirklich auch mit einem Stück interessierter und neugieriger Freude verbunden. Schule machte bei ihm irgendwie Spaß. Vielleicht lag es daran, daß er fächerübergreifend, ganzheitlich Wissen vermittelt hat. Er hat Wissensbereiche, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben, miteinander verknüpft und Einsichten vermittelt. Erst viel später ist mir klar geworden, daß P. Adamek ganzheitliches Lernen schon praktiziert hat, als das noch keineswegs Inhalt von Curricula war. Dank P. Adamek weiß ich, daß nicht derjenige der Gescheiteste ist, der die meisten Vokabeln kennt und die unterschiedlichsten mathematischen Funktionen ableiten kann,&nbsp; sondern derjenige, der unterschiedliche Bereiche miteinander zu verknüpfen versteht, Zusammenhänge erkennt und so über den Tellerrand hinaus Entscheidungen zu treffen vermag.&nbsp;</p>



<p>Aus meiner Sicht war P. Adamek der wichtigste und bedeutendste Pädagoge in meiner Schulzeit.&nbsp;</p>



<p>Fotos: SJ-Bild</p>



<p></p>
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		<title>Als Fremder gekommen – in Freundschaft gegangen</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Pogo]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 07 Oct 2022 09:07:26 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[1985]]></category>
		<category><![CDATA[prägung]]></category>
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					<description><![CDATA[Selbst wenn man nicht freiwillig im Kolleg gelandet ist – die Erfahrungen können einen Menschen ein Leben lang (positiv) prägen. Doch es kommt auch darauf an, welche Persönlichkeit man selbst mitbringt – und wie man sich in das Leben im Internat einbringt.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p>An den trüben Februartag Anfang der 80er kann ich mich noch gut erinnern. Tag des Einzugs in ein 6er Zimmer, jedes Bett von mannshohen Holzwänden umgeben. Das hatte nichts von Harry Potter Hanni und Nanni Romantik. Es fühlte sich fremd an, mehr Straflager als Zukunft.<br>„Was soll’s, jetzt bist Du schonmal hier, dann lass mal gucken, was die Spacken hier so drauf haben“ So oder ähnlich bin ich am ersten Abend eingeschlafen.</p>



<p>Als Schüler habe ich im Jetzt gelebt, ohne viele Gedanken an eine mögliche Zukunft. Mit 15 wollte ich jedenfalls nicht ins Internat, die Entscheidung meiner Eltern war nicht meine Vorstellung von Schule.</p>



<p>Einerseits war ich in der Zeit zwischen 16 und 19 Jahren sehr empfänglich für alle möglichen Ideen und habe mich wie ein Schwamm gefühlt, der Wissen und Eindrücke aufsaugt. Gleichzeitig ist das hermetische, ja fast endemische Leben im Internat ein Brennglas und Katalysator gleichermaßen. Ich war stark genug, mir meine Unabhängigkeit zu bewahren, bis an den Rand des Rauswurfs und zeitweise auch darüber hinaus.</p>



<p>Ich habe Macht nie mit Autorität gleichgesetzt und nur letzteres akzeptiert. Mich haben &#8211; das weiß ich heute &#8211; einige Patres geprägt, die mich in meinem unbedingten Wunsch nach Erkenntnis unterstützt haben. Das Leben auf engstem Raum, auch emotional, ohne Ausweichen zu können, Konflikte lösen zu müssen und dabei keine Instanz wie ältere Geschwister oder eine Peer Group außerhalb des Internats zu haben, das hat mich geprägt.</p>



<p>Ironie, Rabulistik, manchmal Zynismus und immer der unbedingte Wille, mich in Diskussionen mit Argumenten durchzusetzen haben mich geformt. Einmal, während der Zeit der großen Friedensdemonstrationen 1983 und 1984, bin ich von St. Blasien nach Mutlangen zur Besetzung des Atomwaffenlagers getrampt, ein Erzieher wusste das und er hat mich machen lassen.</p>



<p>Wir haben viele Wochenenden in Kollegshütten im Wald verbracht, sind in Freiburg und Zürich gewesen oder auch nachts in den Dom eingestiegen &#8211; wir wollten uns ausprobieren und haben es einfach gemacht. Dieses Gefühl, alles schaffen zu können und nie daran zu zweifeln, dass Dinge gelingen werden &#8211; das habe ich in meinen Jahren in St. Blasien verinnerlicht. Anekdoten darüber kann ich zwar stundenlang erzählen, lachen können darüber allerdings nur die, die es miterlebt haben.</p>



<p>Was ich seinerzeit als gefängnisähnliche Enge empfunden habe, mit strengem Tagesablauf, sehe ich heute vielmehr als Rahmen, der mir Entwicklung ermöglicht hat. Prägende Ereignisse sind oft mit Personen verbunden. Pater Friedo Pflüger (leider weit vor seiner Zeit gestorben), der Erzieher Joachim Kreichelt, Thomas &#8222;Gaucho&#8220; Gräf, Ralf Laier, Matthias Weber, Christian &#8222;Grieche&#8220; Kuhna, mein Deutschlehrer Meinrad Emmerich (auch er ist viel zu früh gestorben) sind für mich prägende Menschen, zum Teil bin ich bis heute mit ihnen verbunden.</p>



<p>In unserer peer group hatten wir ein unausgesprochenes Selbstverständnis und eine Verbundenheit, die ich nicht durch Anekdoten erhellen will, die mich rückblickend immer wieder mit tiefem Dank erfüllt. Der Erzieher Joachim Kreichelt mit seinem VW Variant 1600 zum Beispiel war von nie versiegender Hoffnung, dass ich meinen Weg gehen kann und hat mir sicherlich mehr verziehen als ich damals wahrgenommen habe. Einmal hat er mich selbst nach Freiburg aufs Volksfest gefahren, um mir einen Abend Auszeit zu geben, hat mit mir jede noch so abgefahrene Diskussion in jeder Lautstärke geführt und ausgehalten. Er hat mir einen Feuerschamanen (wirklich!) vermittelt, der im Menzenschwander Wald ein riesiges Feuer mit mir als 17 jährigen geschürt hat. Pater Frido Pflüger SJ hat unseren ganzen Jahrgang geprägt wie kein zweiter. Seine Gelassenheit, sein großes Herz und sein unbedingter Wille, uns zu verstehen hat mich tatsächlich schon in meiner Schulzeit beeindruckt. Erlebnisse mit ihm gibt es viele, die Exerzitien nach Mannheim oder Glashütten habe ich aber noch heute sehr deutlich vor mir.</p>



<p>Auch wenn Schule und Internat viel Wert darauf legen, Wissen zu vermitteln, so sind es doch ganz andere Dinge, die wir als Schüler am Kolleg und insbesondere im Internat gelernt haben. Verwechsele niemals Macht mit Autorität, der Mensch steht IMMER im Mittelpunkt, Empathie ist wichtiger als alles andere, Führung hat nichts mit managen zu tun. Menschen sollten immer das tun dürfen, was sie am besten können und zugleich am liebsten machen. Wir können die Welt zu einem besseren Ort machen.</p>



<p>St. Blasien war für mich ein Ort der Herausforderungen, die für mich zeitweise schier unüberwindbar schienen. Für mich und für viele um mich herum hat es bedeutet zu erkennen, wenn ich im Internat nicht scheitere, dann muss ich keine Angst haben, irgendwo anders scheitern zu können.</p>



<p>Der Einsatz, sein Kind an ein Internat zu geben, ist hoch. Denn das Risiko zu scheitern, ist im Internatsleben inbegriffen und der Preis ist dann so hoch, dass er ebenfalls ein Leben prägt. Im Internat reift und wächst ein Kind schneller, wer die richtige peer group, die richtigen Abbiegepunkte erwischt, der wird sein Leben davon geprägt sein und es mögen. Ich habe meinen Söhnen oftmals gesagt, wenn sie mich zum Internat gefragt haben: &#8222;Ihr dürft hingehen, wenn ihr es selber bezahlen könnt.“</p>



<p>Nach den Sommerferien haben wir als Rückkehrer immer gewusst, dass es sich für die Neuen in den ersten zwei Wochen entscheidet, ob sie es packen oder nicht. Jugendliche sind emotional knallhart und unerbittlich im Herausfinden von Schwächen, die dann genüsslich getestet werden. Ich kann im Internat nicht entfliehen, selbst wenn ich es will und es dringend nötig wäre und die Nischen sind alle besetzt, wenn ich hinkomme.</p>



<p>Beruflich hat mir die Prägung durch das Internat geholfen. Es ist dieses Gefühl, alles erreichen zu können, unbedingtes Selbstvertrauen und angstfrei zu sein bei Entscheidungen. Viele, wirklich viele Mitschüler sind ins Ausland gegangen, haben in Amerika, England, Polen oder in Asien gearbeitet &#8211; viel mehr als an meiner &#8222;alten&#8220; Schule in meiner Heimatstadt Bonn. Das zeigt doch, an den eigenen Erfolg und das Sendungsbewusstsein zu glauben, ist ein echter Startvorteil, den viele in St. Blasien hatten und noch haben (auf Kosten des Scheiterns einiger aus meinem Abijahrgang)</p>



<p>Mein Lebensmotto trug ich damals schon in mir, wusste es nur nicht. Das ist heute anders. Do what you can, use what you have and start where you are.</p>



<p><em>(Foto: <a href="https://www.wolfgangstahl.com" data-type="URL" data-id="https://www.wolfgangstahl.com" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Wolfgang Stahl</a>)</em></p>
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		<title>Hier liegt vor Deiner Majestät …</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Hieronymus Fürst Clary]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 01 Jul 1965 21:30:03 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[1965]]></category>
		<category><![CDATA[glauben]]></category>
		<category><![CDATA[jesuiten]]></category>
		<category><![CDATA[messe]]></category>
		<category><![CDATA[pflicht]]></category>
		<category><![CDATA[prägung]]></category>
		<category><![CDATA[protest]]></category>
		<category><![CDATA[tagesablauf]]></category>
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					<description><![CDATA[Zeitiger Anfang, straffe Taktung – und das vor allem wegen dieser angeordneten, täglichen Heiligen Messe, die deshalb äußerst unbeliebt war. Nur mittwochs war „Langschlaf“ und man konnte herrlich eine gute halbe Stunde länger im Bett bleiben. ]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p><em>Hier liegt vor Deiner Majestät</em>&#8230;Mit diesen Worten beginnt die erste Strophe eines Liedtextes von Franz Seraph von Kohlbrenner aus dem Deutschen Hochamt von Michael Haydn, die seinerzeit in St. Blasien oft der täglichen Liturgie zugrunde lag:</p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="768" src="https://kollegsgeschichten.de/wp-content/uploads/1965/07/IMG_0280-1024x768.jpg" alt="" class="wp-image-106" srcset="https://kollegsgeschichten.de/wp-content/uploads/1965/07/IMG_0280-1024x768.jpg 1024w, https://kollegsgeschichten.de/wp-content/uploads/1965/07/IMG_0280-300x225.jpg 300w, https://kollegsgeschichten.de/wp-content/uploads/1965/07/IMG_0280-768x576.jpg 768w, https://kollegsgeschichten.de/wp-content/uploads/1965/07/IMG_0280-1536x1152.jpg 1536w, https://kollegsgeschichten.de/wp-content/uploads/1965/07/IMG_0280.jpg 2048w" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /></figure>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p><em>Hier liegt vor Deiner Majestät im Staub die Christenschar,<br>das Herz zu Dir, o Gott erhöht, die Augen zum Altar.</em><br><em>Schenk uns, o Heiland, Deine Huld,<br>vergib uns uns’re Sündenschuld.<br>O Herr, vor Deinem Angesicht<br>verwirf uns arme Sünder nicht,<br>verwirf uns nicht, verwirf uns Sünder nicht!</em></p></blockquote>



<p>Diese Strophe war während meiner Zeit in St. Blasien (1956-1965) in unserem dort benutzen Gesangbuch enthalten, dem <em>Sursum Corda</em>, Diözesan-Gesangbuch des Bistums Paderborn. Mit schönen, altmodischen Worten brachte dieser Text die Ehrfurcht zum Ausdruck, die Gott angemessen sein sollte. Für mich ist mit diesem Text gleichzeitig auch ein ehrfurchtsloses Verhalten verbunden, das folgende Ursache hatte:</p>



<p>Bis ich nach St. Blasien kam, war es für mich selbstverständlich gewesen, Sonn – und Feiertags mit der ganzen Familie in die Kirche zu gehen und die Heilige Messe mitzufeiern. Auch in St. Blasien war das dann natürlich selbstverständlich Pflicht. Aber dort kam nun auch noch der verpflichtende Besuch eines – außer mittwochs – täglichen Gottesdienstes dazu.</p>



<p>Unsere Tage begannen grundsätzlich so:</p>



<p><strong>05:30 Uhr:</strong> Licht an. „Guten Morgen, aufstehen!“ – was einige taten, um aufs Klo zu gehen, Zähne zu putzen, sich zu waschen, später dann auch, um sich zu rasieren</p>



<p><strong>05:40 Uhr</strong> Noch einmal, nicht mehr so freundlich: „Aufstehen, los jetzt!“ – was noch einmal ein paar andere mobilisierte. Der immer noch hartnäckige Rest musste sich dann halt entsprechend beeilen &#8230;</p>



<p><strong>06:00 Uhr</strong>: Heilige Messe – und die Wegstrecke zu den einzelnen Kapellen (Hauskapelle, Canisius-Kapelle, Patresbau) musste genauestens mit einberechnet werden. Die kürzesten Messen – 22 Minuten – feierte Pater Adamek, bei allen anderen Patres dauerte es ein bisschen länger.</p>



<p><strong>06:45 bis 07:15 Uhr</strong> „Streng-Studium“ mit Schweigepflicht</p>



<p><strong>07:15 Uhr</strong>  Frühstück</p>



<p><strong>08:00 Uhr</strong> Beginn der ersten Stunde des Unterrichts</p>



<p>Zeitiger Anfang, straffe Taktung – und das vor allem wegen dieser angeordneten, täglichen Heiligen Messe, die deshalb äußerst unbeliebt war. Nur mittwochs war „Langschlaf“ und man konnte herrlich eine gute halbe Stunde länger im Bett bleiben. Die Pflicht-Messe wurde weitgehend abgelehnt und führte mit der morgendlichen Verschlafenheit bei vielen Kollegianern dazu, zwar ehrfurchtslos teilzunehmen, aber nicht bewusst mitzumachen, vor allem an den Gottesdiensten in der Hauskapelle.</p>



<p>Die im ersten Stock über der Internatspforte gelegene Hauskapelle war damals anders eingerichtet. Der Altar lag nicht wie heute vor der Fensterfront, sondern vor der Wand am linken Abschluss der länglichen Mitte. Da die damaligen Bankreihen allen Altersstufen gerecht werden sollten, waren sie eher niedrig und dadurch sehr geeignet, unauffällig „ehrfurchtslos“ zu sein: man beugte sich weit nach vorn über die Bank, heuchelt so tiefste Frömmigkeit – und schloss die Augen.</p>



<p>„Hier liegt vor Deiner Majestät&#8230;“, so brummte man mit, lag aber über der Bank und nicht im Staub; nichts war mit „das Herz zu Dir, oh Gott, erhöht“, nichts mit „die Augen zum Altar“. Nein, im Gegenteil, manche schliefen so fest, dass sie nicht einmal das Läuten zur Wandlung mitbekamen, sondern erst ein Ellenbogenstoß des Nachbarn ihren Kopf hochfahren ließ. Es war auch kein „meditieren“, mit dem man dieses Verhalten fälschlicherweise hätte entschuldigen können, nein, es war nichts weiter als stille Obstruktion.</p>



<p>Natürlich gab es viele Diskussionen mit den Präfekten über den Sinn dieser Pflicht-Messen. Das Totschlag-Argument der Patres war letztlich immer der Hinweis darauf, dass Rom das nun mal für alle Jesuiten-Internate so angeordnet hätte, Punktum. Und da sei eben nichts zu machen. Ich aber nahm mir im Stillen vor, dieses gewaltige Guthaben an Heiligen Messen dann über den Rest meines Lebens durch das Schwänzen von Sonntagsmessen abzubauen. Das habt ihr dann davon, ihr in Rom, so meinte ich.</p>



<p>Nach dem Abitur machte ich dann sofort einige Reisen zu Verwandten in der ganzen Welt, wo alle immer ganz selbstverständlich sonntags in die Kirche gingen. Im Sommersemester 1966 begann ich mein Studium in München. Damals war es leichter als heute, unterzukommen und so war ein Zimmer schnell gefunden, das ich ganz allein beziehen konnte.</p>



<p>Nach ein paar Tagen war Sonntag. Der erste Sonntag, an dem niemand, aber auch wirklich niemand mich zum Kirchgang hätte auffordern können oder überhaupt gemerkt hätte, wenn ich im Bett bleiben und damit die erste Abbuchung von meinem reichlichen Messe-Guthaben vornehmen würde. Niemand hätte es gemerkt, gar niemand.</p>



<p>Aber warum war ich denn – abgesehen von St. Blasien – bisher sonntags in die Kirche gegangen? Etwa nur deshalb, weil alle um mich herum auch gegangen sind? Oder etwa, weil ich meinte, ich müsse gehen? Oder etwa, weil ich bisher zu feige war, „nein“ zu sagen? Nein, all das war es nicht. Aber nur unreflektierte Gewohnheit war es auch nicht, da war schon noch etwas anderes.</p>



<p>Was ich mir all die Jahre vorgenommen hatte, hätte ich dennoch jetzt beginnen können. Aber, so dachte ich mir damals, was wäre das denn jetzt? Guthaben-Nutzung oder immer noch Protest, nachtragender Protest wegen der vielen Werktagsmessen in den Jahren im Kolleg? Ja, es wurde mir klar, dass es das war, und nur das: Protest, richtiger Protest!</p>



<p>Aber – so der nächste Gedanke – was ist denn so ein Protest wert, von dem niemand etwas bemerkt, niemand, gar niemand, jedenfalls kein Mensch? Und dann bin ich damals aufgestanden und in die Sonntagsmesse gegangen. Und seitdem fast immer, auch immer wieder in viele Werktagsmessen, und bis zu meinem Tod werde ich es auch weiter so machen. Und wenn dann manche Kirchenbänke sehr niedrig sind, beuge ich mich weit nach vorne, schließe die Augen, erinnere mich an den Text des Liedes, das heute nicht mehr im Gesangsbuch steht, und bete still: </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p><em>„Hier liegt vor Deiner Majestät ein Teil der Christenschar. Verwirf&#8216; mich Sünder nicht“</em>.</p></blockquote>



<p>Sollte ich aber tatsächlich einen Schatz an Gnaden haben, den weder Rost noch Motten zerstören können, dann werde ich ihn auch sicher noch sehr nötig haben.</p>
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