<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><rss version="2.0"
	xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/"
	xmlns:wfw="http://wellformedweb.org/CommentAPI/"
	xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/"
	xmlns:atom="http://www.w3.org/2005/Atom"
	xmlns:sy="http://purl.org/rss/1.0/modules/syndication/"
	xmlns:slash="http://purl.org/rss/1.0/modules/slash/"
	>

<channel>
	<title>politik &#8211; KOLLEGSGESCHICHTEN</title>
	<atom:link href="https://kollegsgeschichten.de/tag/politik/feed/" rel="self" type="application/rss+xml" />
	<link>https://kollegsgeschichten.de</link>
	<description>Geschichten vom Kolleg Sankt Blasien</description>
	<lastBuildDate>Tue, 02 Dec 2025 06:43:27 +0000</lastBuildDate>
	<language>de</language>
	<sy:updatePeriod>
	hourly	</sy:updatePeriod>
	<sy:updateFrequency>
	1	</sy:updateFrequency>
	<generator>https://wordpress.org/?v=6.9</generator>

<image>
	<url>https://kollegsgeschichten.de/wp-content/uploads/2022/09/cropped-Wappen_neu-1-32x32.png</url>
	<title>politik &#8211; KOLLEGSGESCHICHTEN</title>
	<link>https://kollegsgeschichten.de</link>
	<width>32</width>
	<height>32</height>
</image> 
	<item>
		<title>&#8222;Das Kolleg hat mein späteres Leben entscheidend beeinflusst.&#8220;</title>
		<link>https://kollegsgeschichten.de/1949/das-kolleg-hat-mein-spaeteres-leben-entscheidend-beeinflusst-heiner-geissler-zum-50jaehrigen-abitursjubilaeum-im-kolleg-st-blasien-juni-1999/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Heiner Geißler]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 31 Dec 2023 13:06:31 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[1949]]></category>
		<category><![CDATA[Abitur]]></category>
		<category><![CDATA[Ausbildung]]></category>
		<category><![CDATA[Domkuppel]]></category>
		<category><![CDATA[Kloster Wald]]></category>
		<category><![CDATA[Mädchen]]></category>
		<category><![CDATA[P. Adamek SJ]]></category>
		<category><![CDATA[P. Ballay SJ]]></category>
		<category><![CDATA[P. Faller SJ]]></category>
		<category><![CDATA[P. Frank SJ]]></category>
		<category><![CDATA[P. Heitlinger SJ]]></category>
		<category><![CDATA[P. Kranz SJ]]></category>
		<category><![CDATA[P. Nitzsche SJ]]></category>
		<category><![CDATA[P. Wiedemann SJ]]></category>
		<category><![CDATA[Papstwecken]]></category>
		<category><![CDATA[politik]]></category>
		<category><![CDATA[prägung]]></category>
		<category><![CDATA[Tanzkurs]]></category>
		<category><![CDATA[theater]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://kollegsgeschichten.de/?p=673</guid>

					<description><![CDATA[Als der Abiturjahrgang 1949 sein Goldenes Abi-Jubiläum feierte, hielt Altkollegianer Heiner Geißler eine Ansprache, in der er persönliche Einblicke in seine prägende Zeit am Kolleg zwischen 1946 und 1949 gewährt.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p><em><strong>Heiner Geißler zum 50jährigen Abitursjubiläum im Kolleg St. Blasien, Juni 1999</strong></em></p>
</blockquote>



<p>Zwischen der Tausend-Jahr-Feier des Klosters St. Blasien und &#8211; sagen wir mal &#8211; der Gründung der Narrenzunft „Der Gaudi-Hans“ gab es noch ein weiteres bedeutendes Ereignis, nämlich die Matura des Abiturjahrganges 1949 im Kolleg St. Blasien!</p>



<p>50 Jahre später, nämlich am 19. Juni 1999, treffen sich diese Abiturienten wieder in St. Blasien. Einer von ihnen war ich &#8211; wir hatten damals das landesweit beste Zentralabitur von ganz Südbaden gemacht: Die Kollegsleitung war mächtig stolz auf uns, vor allem Pater Rektor Otto Faller SJ, der aber seine Freude angemessen zu verbergen wusste. Er war nur ein bisschen freundlicher als sonst zu uns. Das Kolleg hatte einen guten Ruf: Das hing auch damit zusammen, dass eine ganze Reihe von hochkarätigen Lehrern, Studienräten, Oberstudiendirektoren, die der Krieg aus der Bahn geworfen hatte oder im Luftkurort St. Blasien Heilung von ihren Kriegsleiden suchten, aber exzellente Lehrer geblieben waren, von den Jesuiten für den Schuldienst engagiert wurden.</p>



<p><strong>Eine schulische Elite versammelte sich am Kolleg.</strong></p>



<p>Und so kam es, dass im Kolleg damals eine gewisse schulische Elite versammelt war, die sich durch hohe fachliche Qualität auszeichnete. Einer der berühmtesten unter ihnen war der Oberstudiendirektor Kill, der uns Mathematik beibrachte und sogar imstande war, mich zu einem Fan der Mathematik zu machen. Es existierte auch ein Chemieprofessor Benl, der uns das periodische System lehrte. Aber die Qualität der Schule wurde vor allem von den Jesuiten begründet, an ihrer Spitze Pater Faller, der lange Zeit Berater von Papst Pius XII. gewesen war und der jetzt mit durchgedrücktem Rückgrat durch die Gänge des Kollegs schwebte und sich uns Schülern als eine imposante Lehrergestalt darbot. Charakteristisch war der Schwung, mit dem er alle fünf Minuten mit dem Mittelfinger seine Brille, die sich nach vorn auf die Nase verlagert hatte, wieder in die richtige Lage befördert hatte…Er war, wie ich fand, ein exzellenter Pädagoge und großartiger Latein- und Griechischlehrer. Er war jedoch eine absolute Autorität, war streng, aber gerecht, freundlich und dennoch unnahbar.</p>



<p>Pater Wiedemann lehrte Deutsch und Geschichte, wobei er mangels gedruckter Literatur einen eigenen 400 Seiten dicken Abriss der neueren Geschichte fabrizierte, der heute noch in meinem Besitz und außerdem lesenswert ist. Pater Heitlinger lehrte Griechisch, Pater Adamek Latein und Dr. Lotz, der Bruder des Philosophieprofessors Johann Baptist Lotz SJ, gab den Sportunterricht und lehrte moderne Fremdsprachen. Genaralpräfekt war Pater Frank SJ, die Präfekten der Abteilungen des Jahrgangs 1949 waren Pater Kranz und Pater Nitzsche; ebenso P. Laszlo Ballay SJ, ein junger Ungar, dessen durch mangelnde Deutschkenntnisse begründeter Autoritätsschwund durch seine großartige Liebenswürdigkeit und Freundlichkeit ausgeglichen wurde. Professor Fritz Kölble begann den Kollegschor aufzubauen, der Ende der 40er, Anfang der 50er weit über St. Blasien hinaus künstlerische Anerkennung erfuhr. Die Blaskapelle des Kollegs unter ihrem Dirigenten Schuster wurde zum Liebling aller Schüler und erfreute sich ungeheurer Popularität (einer der Bläser war frühzeitig Addi von Kerssenbrock, heute P. Kerssenbrock SJ in der Bronx von New York).</p>



<p>Wenn man liest, dass ein Schwerkriegsverletzter, nämlich der edle Reginbert von Seldendüren, ein Soldat, der in den Diensten Kaiser Heinrichs und Otto des Großen stand, nach seiner Genesung sein Vermögen den Benediktiner-Mönchen im Albtal vermachte und dadurch die ökonomische Basis für die Gründung des Klosters gelegt hatte, wird man daran erinnert, dass nach dem 2. Weltkrieg auch eine große Anzahl von ehemaligen Soldaten, die durch den Krieg gehindert worden waren, ihr Abitur zu machen, in St. Blasien dies nachgeholt hat.</p>



<p><strong>Mädchen am Kolleg &#8211; erwünschte, aber unerfüllte Vorstellung</strong></p>



<p>Unter den Neubürgern der Stadt war auch eine Reihe von Künstlern, die mit dem Kolleg zusammenarbeiteten und Musikunterricht gaben. In den ersten Jahren kam es oft zu hervorragenden Musikveranstaltungen, vor allem zu Kammermusikabenden, die von weltbekannten Künstlern wie Heinrich Schulnus gestaltet wurden.</p>



<p>Am 03.April 1946 war das Kolleg wiedereröffnet worden, und wenige Wochen danach begann der Unterricht mit 196 internen Schülern. Die damals 15- und 16jährigen, die in die Schule kamen, stellten dann den Abiturjahrgang des Jahres 1949. Im Jahre 1981 hatte das Kolleg 600 Schüler, heute etwa 800, davon 500 Externe. 1965 wurde das erste Mädchen in die Schule aufgenommen, 1971 waren es bereits 170, und seit dem Sommer 1989 gibt es sogar außer dem Internat für Jungen auch ein Internat für Mädchen, das in der völlig umgebauten alten Klostermühle eingerichtet wurde.</p>



<p>Für die Altblasier, die 1949 das Abitur machten, war dies damals eine zwar insgeheim erwünschte, aber noch unerfüllbare Vorstellung. Dabei gab es schon damals den Birklehof bei Hinterzarten, eine Dependance der Internatsschule von Salem, in der die Koedukation von Jungen und Mädchen bereits selbstverständlich war. Später entstand eine Partnerschaft zwischen dem Kolleg St. Blasien und der Mädchen-Schule und Internat Kloster Wald bei Sigmaringen, was zu regelmäßigen Begegnungen der jeweiligen Schülerinnen und Schüler der Kollegien führte.</p>



<p>In den Genuss dieser emanzipatorischen Entwicklung sind jedoch die Abiturienten des Jahrgangs 1949 nie gekommen. Irgendwo hatte aber die damalige Kollegsleitung, vor allem der Genaralpräfekt P. Frank gespürt, dass es ganz ohne Mädchen auch nicht geht, und so kam man auf die kühne Idee, einen Tanzkurs zu organisieren, der aber aus naheliegenden Gründen nicht in St. Blasien abgehalten werden sollte. Man kam schließlich auf die Idee, sogar einen Tanzkurs mit den Schülerinnen des Gymnasiums und Internats der Ursulinen in Freiburg durchzuführen. Zu diesem Zweck wurden die Leute aus der Oberabteilung eines Nachmittags auf den kollegseigenen Lastwagen verfrachtet und nach Freiburg hinuntergefahren. Die Veranstaltung wurde jedoch nach zwei „Begegnungen“ beendet, weil die Kollegianer sich offenbar derartig grobschlächtig aufgeführt hatten, dass die Mädchen sich weigerten, weiter an den Kursen teilzunehmen. Damit war dann das Experiment für die damaligen Schuljahrsabgänge vorerst erledigt.</p>



<p>Natürlich konnte der Drang nach dem weiblichen Geschlecht auch von den Jesuiten nicht unterdrückt werden. Die Natur bahnte sich mit Gewalt ihren Weg, das heißt, es gab bisweilen nächtliche Ausflüge in ein berühmtes Restaurant in Häusern, den „Albtalblick“, oder ins „Café EIl“ von St. Blasien, wo für manchen Kollegianer die ersten zarten Bande geknüpft wurden, was aber in einzelnen Fällen, nachdem es ruchbar wurde, zum Rausschmiss aus dem Kolleg führte.</p>



<p><strong>Bei Goethes Faust entwickelte sich eine fast tragische Dramatik</strong></p>



<p>Eine besondere Dramatik entwickelte sich anläßlich des Versuches der Abiturklasse 1949, unter der Regie des schon erwähnten und berühmten Pater Wiedemann, Goethes Faust 1. Teil zum Goethejahr von vor 50 Jahren aufzuführen. Während ich selber, der den Wagner als das Faktotum aus der ersten Szene des ersten Aktes spielen sollte, wegen schauspielerischer Unfähigkeit zum &#8218;zweiten Beleuchter&#8216; degradiert wurde, gab es in der Klasse herausragende Interpreten des Faust und des Mephisto. Die jesuitische Theaterintendanz machte jedoch den entscheidenden Fehler, anstatt das Gretchen aus jüngeren Jahrgängen des Kollegs zu rekrutieren, ein leibhaftiges Mädchen, eine schöne Bekannte unseres Faustdarstellers, als Schauspielerin zu engagieren. Was schließlich zu Liebes- und Eifersuchtsdramen mehrerer Hauptdarsteller führte und schließlich mit einem Selbstmordversuch im eiskalten Albfluss in einer Februarnacht des Jahres 1949 endete. Die weitere Theaterarbeit wurde daraufhin von der höchsten Kollegsleitung gestoppt und die beteiligten Darsteller gezwungen, sich wieder auf das Abitur im Sommer 1949 vorzubereiten.</p>



<p><strong>Per Lastwagen mit Holzvergaser vom Schluchsee nach St. Blasien</strong></p>



<p>Die Kollegsjahre von 1946 bis 1949 erinnerten zwar nicht gerade an den Wilden Westen, hatten aber doch einen Hauch von Pionierzeit aufzuweisen. Das begann schon mit der Anfahrt. Man fuhr mit der Eisenbahn nach Schluchsee, wobei zu Schulbeginn und Schulende jeweils ein Kurswagen ab Donaueschingen beziehungsweise Freiburg an den Zug angehängt wurde, in den die Kollegianer von ihren Wohnorten aus bequem zusteigen konnten. Diesen Komfort verdankten wir dem Umstand, dass der Bruder von P. Heitlinger der Bahnhofsvorstand in Donaueschingen war und von jenem zu dieser Vergünstigung bewogen werden konnte.</p>



<p>Mit der Eisenbahn konnte man also, wie gesagt, nur bis Schluchsee fahren. Von dort aus wurde man vom Kolleg mit einem Lastwagen abgeholt, und als ich zum ersten Mal 1946 dort ankam, war ich tief beeindruckt. Der Lastwagenmotor wurde von einem Holzgaskocher betrieben &#8211; ein Ungetüm auf der Ladefläche hinten schluckte zentnerweise kleine Holzstückchen, die nach einem unerfindlichen Verfahren in Gas verwandelt und einem Verbrennungsmotor zugeführt wurden, der heute mit Sicherheit schon auf zwei Kilometer Abstand vom TÜV aus dem Verkehr gezogen werden würde. Aber das Auto schaffte alle Steigungen und von Häusern an ging es ohnehin nur noch bergab ins Albtal hinunter. Damals sah ich in der Abendsonne zum ersten Mal die Kuppel des Domes von St. Blasien. Die vergoldete Kugel auf der &#8218;Spitze&#8216; sieht von unten wie ein kleiner Ball aus, sie ist jedoch so geräumig, dass darin, wie es in der ersten Baubeschreibung heißt, „ein Schuster mit seinem Lehrling darin arbeiten kann“. Natürlich sind einige wenige von uns während der Kollegszeit verbotenerweise in diese Kugel aufgestiegen, wobei das Hauptproblem darin bestand, beim Erklettern der die Kuppel tragenden, gebogenen inneren Holzgerüste nicht danebenzutreten, weil man dann durch den Stuck hindurchgestürzt und rund 60 m tief vor dem Hochaltar gelandet wäre…</p>



<p>In St. Blasien haben auch einige von uns das Skifahren gelernt. Wir fuhren damals noch mit Holzskiern und der Verschleiß war entsprechend, die Technik miserabel. Aber schon damals ging es mit Rasanz das &#8218;Fahler Loch&#8216; hinunter und auf den Feldberg wieder hinauf, ohne Steighilfe, und nach St. Blasien zurück &#8211; alles an einem Tag, denn meistens war es bei den Skiausflügen nicht erlaubt, im Caritashaus auf dem Feldberg zu übernachten, obwohl die Schwestern gern für die Kollegianer aus St. Blasien die Tore ihres Caritasheimes weit aufzumachen bereit waren. Erkältungskrankheiten im Winter wurden damals dadurch auskuriert, dass man an einem Tag auf den Feldberg rannte, dadurch eine Schwitzkur absolvierte und am Abend gesund wieder im Kolleg ankam.</p>



<p><strong>Lebensmittel-LKW aus dem Vatikan</strong></p>



<p>Die Jahrgänge 1946 bis 1949 erlebten auch insofern Pionierzeiten, als an den Kollegianern ausprobiert wurde, was für den Menschen gerade noch essbar ist. In den ersten zwei Jahren, 1946 und 1947, hatten wir ständig Hunger, und das Hauptproblem der Kollegsleitung bestand darin, für rund 200 Jugendliche und Heranwachsende das nötige Essen zu beschaffen. In ihrer Not verfiel sie auf die Idee, uns tagelang eine Kartoffelfrucht namens Topinambur vorzusetzen, deren Verzehr wegen ihres ekelhaften Geschmacks bei vielen zu Übelkeit, Erbrechen und Schlimmerem führte. Seit dieser Zeit wird sie nur noch zum Schnapsbrennen und zur Schweinemast verwendet. Ausgleich gab es dadurch, dass es einmal in der Woche, nämlich am Samstag, unbeschränkt Eintopf zu essen gab, in der Regel Erbsen- oder Linseneintopf. Die Leute schlugen sich die Bäuche voll, dass sie sich vom Esssaal nur noch zu ebener Erde in den Patresgarten schleppen konnten und dort zunächst zwecks Verdauung zwei Stunden liegen blieben.</p>



<p>Eine kulinarische Abwechslung gab es durch die sogenannten &#8218;Papstwecken&#8216;. Der Direktor des Kollegs, P. Otto Faller SJ, war während des Krieges engster Berater von Pius XII. in Rom gewesen, so dass dieser deutschfreundliche Papst regelmäßig Lebensmittel per Lastwagen mit Vatikan-Kennzeichen von Rom nach St. Blasien schickte. So gab es u.a. sonntagabends immer für jeden zwei dieser Papstwecken mit Apfelkompott. Erst 1948/49 wurde die Kollegsverpflegung dann besser.</p>



<p><strong>Die Ziegelfeld-Affaire: ‚Bärenstarke Roßknechte‘</strong></p>



<p>Das Kolleg ging damals auf Nummer sicher und legte einen eigenen riesigen Kartoffelacker auf dem sog. Ziegelfeld an, der, als die Feldfrüchte reiften, im Herbst nachts von Kollegianern bewacht werden sollte. Diese Wachen wurden im Herbst 1947 eines nachts von angeblichen &#8218;Roßknechten&#8216; aus Ibach überfallen und windelweich gehauen. Die Fahndungen verliefen jedoch ergebnislos, bis eines morgens in einer Schlucht zusammengefaltete Seiten mit Griechisch-Vokabeln gefunden wurden &#8211; offenbar von einem der Roßknechte als Huteinlage verwendet worden. Durch akribische Schriftvergleiche des Griechischlehrers wurde der Inhaber des Schriftstücks identifiziert und die vier &#8218;Roßknechte&#8216; wurden als Oberstufen-Kollegianer enttarnt.</p>



<p><strong>Erste Begegnung mit der Katholischen Soziallehre</strong></p>



<p>Ich will es bei diesen persönlichen Erinnerungen belassen. Es ist natürlich noch wesentlich mehr passiert. Nicht jeder war als Kollegianer gleichermaßen glücklich, aber die allermeisten haben ihre alte Schule in bester Erinnerung und ihre innere Beziehung nie abgebrochen. Ich selber war vom Kolleg und vor allem von den Erziehern und Lehrern, den Jesuitenpatres, begeistert. Wir bekamen eine sehr gute schulische Ausbildung, und die persönlich-charakterliche Erziehung im Internat hat sich für die allermeisten für ihren späteren Beruf und Lebensweg positiv ausgewirkt. In St. Blasien erfuhr ich zum ersten Mal Näheres über die katholische Soziallehre, was mein späteres Leben entscheidend beeinflussen sollte. Wir lernten hier auch die großen Philosophen des Ordens, von Nell-Breuning, Hirschmann, Lotz, um nur einige zu nennen, aus nächster Nähe kennen… Ich bin daher meiner alten Schule dankbar, dass sie mich auf mein späteres Leben gut vorbereitet hat. Sie hat meinen Horizont, wie es sich für Jesuiten gehört, erweitert, internationale Perspektiven aufgezeigt und soziale Verantwortung eingeübt.</p>



<p>Aus dem Kolleg kamen keine verklemmten Spießer, sondern gedanklich weltoffene junge Menschen, die sich allerdings auf die Freiheit des Studentenlebens freuten, die sie im Kolleg (noch) nicht bekommen konnten. Heute ist die Erziehung am Kolleg lockerer und das hat sicher auch seine Vorteile. Ich persönlich habe sehr gute Erinnerungen an diese Zeit, an die Menschen, die mich erzogen und gebildet haben. Ich habe, nicht nur unter meinen Klassenkameraden, viele Freunde gewonnen, wofür ich ebenfalls dankbar bin, und möchte die Jesuiten ermuntern, das Kolleg St. Blasien nie aufzugeben. In der Bildungslandschaft des Südwestens Deutschlands würde sonst eine großartige Bildungseinrichtung fehlen, die nur schwer durch eine andere Schule ersetzt werden könnte.<br></p>



<p><em>(Foto: Altkollegianer&nbsp;<a rel="noreferrer noopener" href="https://www.wolfgangstahl.com" target="_blank">Wolfgang Stahl</a>)</em></p>



<p><em>Der Originaltext, zuerst veröffentlicht im „<a href="https://www.stellaner.de">Stellaner</a> Informationsdienst“ 07/1999, wurde der Rechtschreibreform gemäß aktualisiert, einige Schreibweisen jedoch belassen.</em></p>



<p></p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Krisen</title>
		<link>https://kollegsgeschichten.de/1965/krisen/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Hieronymus Fürst Clary]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 11 Jun 2023 11:22:07 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[1965]]></category>
		<category><![CDATA[kubakrise]]></category>
		<category><![CDATA[politik]]></category>
		<category><![CDATA[prägung]]></category>
		<category><![CDATA[radio]]></category>
		<category><![CDATA[weltgeschehen]]></category>
		<category><![CDATA[zeitreise]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://kollegsgeschichten.de/?p=573</guid>

					<description><![CDATA[Aktuelle Ereignisse bringen dem Autor Erlebnisse aus seiner Kollegszeit detailliert in Erinnerung und er nimmt uns mit auf eine spannende Zeitreise in eine Vergangenheit des Kollegs zu Zeiten der Kuba-Krise. Er schildert anschaulich, wie er das Weltgeschehen damals als heranwachsender Kollegianer wahrnahm, als die Zeitung erst einen Tag später kam, ohne Internet und weder Fernsehen noch Radios waren erlaubt - nur beim Präfekten im Zimmer, wenn dieser denn Zeit hatte.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p><strong>11. Juni 2023</strong><br>Seit dem 24. Februar 2022 ist Krieg in der Ukraine, der nun schon 473 Tage andauert. <br>Damals und seitdem immer wieder muss ich an Überlegungen und Befürchtungen denken, die ich ähnlich schon einmal erlebt hatte: Die Zeit, von der ich dabei zu erzählen habe, liegt sehr lange zurück. Es war damals nicht alles anders als heute, aber doch vieles. </p>



<p>Ich kam am 24. April 1956 ins Kolleg St. Blasien. Das Kolleg hatte damals ca. 500 interne Schüler, vielleicht 20 externe Schüler und gar keine Schülerinnen. Schulisch war alles in Klassen gegliedert, im Internat in Abteilungen. Diese wurden von Präfekten geleitet, jungen Jesuiten, die seit ihrem Ordenseintritt bis dahin nur das Noviziat hinter sich hatten.</p>



<p>Jedem dieser Abteilungen war ein Studiensaal, ein Schlafsaal und ein Spielsaal zugeordnet, die altersgerecht ausgestattet waren. Die Kleinen durften fast nichts, aber im Spielsaal der 8. Abteilung, der OA, gab es dann schon einen Billardtisch, Zeitungen und ein Radio. Eigene Radios waren nicht erlaubt, was aber dann zunehmend unterlaufen wurde, je kleiner solche Geräte und je billiger Kopfhörer wurden. Fernsehen aber war streng für die OA reglementiert, es sei denn, dass es so Wichtiges zu sehen gab, wie z.B. 1963 die Eröffnung des II. Vatikanischen Konzils, was zu diesem Anlass sogar in der Turnhalle auf eine große Leinwand projiziert wurde. </p>



<p>Was sonst aber so in der Welt vorging, erfuhr man im Kolleg nur von den Lehrern, den Präfekten, den Externen oder denjenigen unter uns, die von den Zeitungen auch die ersten Seiten lasen. Ich selbst wollte irgendwann einmal möglichst aktuell informiert sein und ließ mir deshalb ab ca. 1960 eine Tageszeitung abonnieren, die am jeweils nächsten Tag mit der Post kam.</p>



<p>So war ich auch immer über die Entwicklung in Kuba informiert. Nach und nach hatten wir nämlich alle erfahren, daß 1959 ein junger 32-jähriger Rechtsanwalt, der Fidel Castro hieß, in Kuba einen Umsturz der Regierung erreicht hatte. Er beabsichtigte, die Insel vom US-amerikanischen Einfluss zu lösen und begann deshalb, in Kuba den Kommunismus einzuführen, was wiederum im Westen von keiner Regierung begrüßt wurde. Im damals bestehenden Ost-West-Gegensatz führte das vielmehr sofort zur Ablehnung des neuen Regimes durch die USA, und diese Ablehnung wurde durch die zahlreichen Exil-Kubaner verstärkt, denn in Kuba wurde unter Castro dann nicht nur die Mafia enteignet, sondern alle, die etwas hatten oder etwas konnten, und viele davon flohen nach Florida. Um an der Macht zu bleiben, brauchte Castro deshalb aber von woanders her Unterstützung, und die Sowjetunion war dazu nur allzu gerne bereit. Auch die UdSSR hat dies wohl nicht aus kommunistischem Idealismus getan, sondern in der Absicht, endlich unmittelbar vor der US-amerikanischen Küste einen Stützpunkt zu bekommen und damit im Ost-West Konflikt einen wertvollen Stich zu machen. </p>



<p><em>πάντα ῥεῖ</em>, wie der alte Grieche sagt, gilt und galt: Die politische Lage blieb nicht konstant, sondern entwickelte sich. In der Sowjetunion war Nikita Chruschtschow an die Macht gekommen, der amerikanische Präsident hieß ab 1961 John .F Kennedy, und die kubanische Revolution festigte sich, ohne im Westen anerkannt oder geduldet zu werden &#8211; und auch wir Kollegianer wurden jedes Jahr ein Jahr älter. T<em>empora mutantur, nos et mutamur in illis</em>, wie der alte Römer sagt.</p>



<p>So wurde in diesen Jahren im Kolleg auch ein Teil der bis dahin bestehenden Studier- und Schlafsäle umgebaut und zu Studierzimmern mit vier Schreibtischen und Schlafräumen mit sechs Alkoven sowie Waschgelegenheiten eingerichtet. In den beiden Stockwerken über der Küche waren wir in der 7. Abteilung und der OA dann die ersten, die diese Neuerungen beziehen konnten.</p>



<p>Obwohl auch in diesen Zimmern ab 16:15 Uhr bis 18:00 Uhr das übliche Schweigegebot gefordert war und um 21:30 Uhr “<em>Licht aus” </em>galt, ergaben sich doch leichter Gelegenheiten, mit den Kameraden während des Studiums oder dann in den Schlafräumen auch mal über die Sperrstunde hinaus Gespräche zu führen. Man lernte so halt, mit den Gegebenheiten umzugehen, auch wenn es nicht das Einzige, aber auch nicht das Schlechteste war, was wir dort lernten.</p>



<p>Nachmittags war Sport, musische Ausbildung oder Spaziergang, und auf diesen Spaziergängen tauschte man sich &#8211; heranwachsend &#8211; dann weniger über Filme und dergleichen, sondern zunehmend auch über Politik und die politische Lage aus. Neben allem, was auf der Erde geschah, hatte ja auch ein spannender Wettkampf um das Firmament begonnen. Die Sowjetunion, von uns damals eher umgangssprachlich “Russland” genannt, hatte mit Sputnik, dem ersten Satelliten, vorgelegt; die Amerikaner aber, dadurch gereizt, legten verschärft und erfolgreich nach. Sie entwickelten zudem einen Fernaufklärer, die U-2, ein Flugzeug, das aus damals unvorstellbar großen Höhen alles fotografieren konnten, was man sehen und wissen wollte. Man interessierte sich z.B. dafür, ob bei den Russen gute oder schlechte Ernten zu erwarten waren und vieles andere, aber natürlich und vor allem auch für die militärische Infrastruktur.</p>



<p>In dieser Zeit lösten sich auch in Afrika die englischen und französischen Kolonien auf, und fast monatlich entstanden neue Staaten mit neuen Problemen. Es war viel los überall auf der Welt. Immer wieder gab es auch Nachrichten über Kuba, vor allem, als dort eine von Exil-Kubanern durchgeführte Befreiungsinvasion in der Schweinebucht scheiterte. </p>



<p>1962 kam es dann plötzlich zu sensationellen Enthüllungen. Nein, es war kein Fake, wie es Graham Green in seinem „Our man in Havanna&#8220; (sehr lesenswert) geschrieben hat. Tatsächlich entdeckte die CIA durch die Aufklärungsflüge der U-2 Raketenbasen und russische Raketen auf Kuba: 200 Meilen vor Florida, 1.600 Meilen vor Washington, 2.000 Meilen vor New York; Flugzeit 5 min, 20 min, 30 min.</p>



<p>Da war dann Schluss mit Lustig.</p>



<p>„Nur zur Verteidigung“, sagten die Russen.</p>



<p>„Angriffsgeeignet“, sagten die Amerikaner und: „Nicht vor unserer Haustür.&#8220;</p>



<p>„In Finnland und der Türkei gibt es doch auch Raketen“, entgegneten die Russen. </p>



<p>„Nur zur Verteidigung“, erklärten die USA.</p>



<p>Alles so, wie immer &#8211; damals halt.</p>



<p>Aber es schien, als wollten beide Seiten diesmal aus dem bekannten Hick-Hack-Spiel ernst werden lassen. Keiner konnte nachgeben, ohne das Gesicht zu verlieren. Schwierig.</p>



<p>„Abzug“, forderten die Amerikaner.</p>



<p>„Weiterer Ausbau“, beharrten die Russen.</p>



<p>„Dann wird Kuba blockiert“, trumpften die Amerikaner.&nbsp;</p>



<p>„Da brechen wir durch“, stachen die Russen.</p>



<p>So ging es in den Oktober 1962; es wurde bedrückend. Wer würde nachgeben oder nachgeben müssen? Wer würde sich durchsetzen können?</p>



<p>Kennedy konnte nicht nachgeben. Chruschtschow hätte gekonnt, wollte aber nicht. Noch schwieriger.</p>



<p>Man erinnert sich an den Film „12 Uhr mittags&#8220;, in welchem bis zu diesem Zeitpunkt noch keine Lösung in Sicht war &#8211; außer dem Shoot-out halt. Ganz schwierig.</p>



<p>Und wir in St. Blasien? Zeitung erst einen Tag später, kein Fernsehen, Radios nicht erlaubt, nur beim Präfekten im Zimmer, wenn er Zeit hatte. Schließlich kamen doch die heimlichen Transistor-Radios zum Vorschein. Es war zu wichtig, aktuell informiert zu sein. Es ging um unsere Zukunft!</p>



<p>Die Russen blieben ungerührt. Mehrere Schiffe seien auf dem Weg nach Kuba, wurde verlautbart, eines mit weiteren Raketen schon im Atlantik, begleitet von U-Booten mit Atomwaffen. Die USA hatten sowieso immer Bomber mit Atomwaffen am Himmel.</p>



<p>Das war die Kuba-Krise.</p>



<p><strong>27 .Oktober 1962</strong><br>Die USA verkündet, kein weiteres russisches Schiff mehr nach Kuba zu lassen. Die UdSSR sagt: „Njet, wir fahren”.</p>



<p>Es wird davon berichtet, dass die USA wirklich keinen Bruch der Blockade zulassen werden und bereit seien, Waffengewalt anzuwenden. Beide Seiten erklärten, wenn es dazu komme, würden Atomwaffen eingesetzt. Davon wären auch wir in Europa direkt betroffen.</p>



<p>Die Amerikaner zwingen ein russisches U-Boot zum Auftauchen. Das russische Schiff aber, das auf Kuba zufährt, fährt weiter und befindet sich in der Mitte des Atlantiks, etwa vier Zeitzonen weiter als Europa, Kuba fünf Zeitzonen, Washington sechs.</p>



<p>Bis um 21:00 Uhr St. Blasien (17:00 Uhr Atlantik, 16:00 Uhr Kuba, 15:00 Uhr Washington) hat noch niemand nachgegeben, aber wir müssen schon die Studierzimmer verlassen. Im Schlafraum wird heftig weiter diskutiert. Wird einer nachgeben? Wer wird auf den roten Knopf drücken? Wird das russische Schiff doch anhalten oder gar umdrehen? Werden die Amerikaner die Weiterfahrt doch zulassen? </p>



<p>Jeder von uns ist mal Kennedy und gleich danach wieder Chruschtschow und dann wieder umgekehrt.</p>



<p>Aus unseren kleinen Radios erfährt man nichts Genaues; nur soviel, dass Kennedy ultimativ das Abdrehen des Raketenschiffes gefordert hat, heute noch. 24:00 Uhr Washington ist 01:00 Kuba, 02:00 Atlantik, 06:00 St. Blasien.</p>



<p>Der Präfekt macht die Tür auf: „Licht aus, jetzt, es ist schon 22:15 Uhr! Morgen ist auch noch ein Tag“. Wird morgen noch ein Tag sein ? Wenn die Atomraketen fliegen sollten, wird zwar morgen noch ein Tag sein, aber wir werden ihn wohl nicht mehr erleben. Wir schließen das Schlimmste nicht aus, geben aber doch dem Ruf zur Ordnung nach. Jeder verabschiedet sich von allen fünf anderen, bis wo immer wir auch wieder zusammen sein sollten. </p>



<p>Samstag ist es, 22:30 Uhr (18:30 Uhr Atlantik, 17:30 Uhr Kuba, 16:30 Uhr Washington), als schließlich „Licht aus&#8220; ist. Ich kann noch lange nicht schlafen, weil ich mich noch an so vieles zurückdenke &#8211; und auch mal wieder bete. </p>



<p><strong>28. Oktober1962</strong><br>06:45Uhr; Tür auf, „Guten Morgen, aufstehen!&#8220;</p>



<p>Es war der Präfekt, nicht Petrus oder gar der gerechte Richter. Erleichtert und neugierig fuhren wir aus den Betten.</p>



<p>„Das russische Schiff hat heute Nacht abgedreht.“</p>



<p>Die <a href="https://www.dom-st-blasien.de/die-glocken-des-doms.html" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Glocken des Doms</a> begannen zu läuten.</p>



<p>Es war Sonntag &#8211; und wir lebten!<br></p>



<p><strong>11. Juni 2023 </strong><br>Jetzt und heute leben wir immer noch.<br> <br>Auch heutzutage noch läuten Glocken den Sonntag ein.<br><br>Wenn nur endlich jetzt auch noch das Schiff abdrehen würde.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Politikum</title>
		<link>https://kollegsgeschichten.de/1971/politikum/</link>
					<comments>https://kollegsgeschichten.de/1971/politikum/#comments</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Ivo Gönner]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 01 Feb 2023 19:33:22 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[1971]]></category>
		<category><![CDATA[Jungsozialisten]]></category>
		<category><![CDATA[politik]]></category>
		<category><![CDATA[Schülerrat]]></category>
		<category><![CDATA[Schülersprecher]]></category>
		<category><![CDATA[streik]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://kollegsgeschichten.de/?p=525</guid>

					<description><![CDATA[Der erste Schülerstreik im Jesuitenkolleg St. Blasien ereignete sich im Mai 1970 und war ein historisches Ereignis.
Was war da los? Wie war das möglich? 
Der damalige Schülersprecher und Initiator dieser Revolution, Ivo Gönner, erinnert sich.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p>Im Jahre 1962 betrat ich, ein 10-jähriger kleiner Junge, die Stadt St. Blasien, in der ein Jesuitenkolleg sich befand. Ich lernte in einer Gemeinschaft zu leben, meine individuellen Fähigkeiten langsam zu entwickeln, also mich in einer großen Gesellschaft zurechtzufinden. Meine Erinnerungen schweifen deshalb zurück an das Marschieren in Dreierreihen bei passenden und unpassenden Gelegenheiten, an Mahlzeiten in großen Sälen, fast ausschließlich unter Stillschweigen, an Schlafen und Studieren in ebenso großen Sälen. Meine Gedanken gehen zurück an Pflichtsporttage, strenge Studienzeiten, Besuch von Gottesdiensten und Andachten. Ich erinnere mich an die Filmvorführung an jedem zweiten Sonntag in der Aula, an gerechte und ungerechte Strafen, an sinnvolle und nutzlose Strafarbeiten. An mir ziehen vorüber Lehrer und weniger begabte Erzieher, Pädagogen und solche, die es waren. Kurzum, aus vielen bruchstückartigen Erinnerungen fällt mir vieles Erzählenswerte aus neunjähriger Schulzeit ein.</p>



<p>Ich möchte jedoch in diesem kurzen Artikel der persönlichen Erinnerung eine für die Schule, meine Freunde und mich wichtige Begebenheit aus der Erinnerung schildern, weil sie wohl am deutlichsten das Kolleg im Wandel und den Wandel im Kolleg charakterisieren kann, den ersten Schülerstreik im Mai 1970 in einem Jesuitenkolleg.</p>



<p>Die Vorgeschichte ist kurz erzählt: 10 Schüler der Oberstufe haben damals den formlosen Antrag gestellt, in der Stadt St. Blasien eine Gruppe der Jungsozialisten in der SPD gründen zu dürfen. Die Begründung war einfach und einleuchtend: Der Sozialkundeunterricht würde zur Farce werden, wenn man die theoretischen Kenntnisse nicht in die Praxis umsetzen könne. Die Kollegsleitung reagierte erschrocken, sie sah r o t. Das Vorhaben der Schüler wurde untersagt.</p>



<p>Der Antrag dieser 10 Schüler der Oberstufe war nichts besonderes, es war eine notwendige Fortsetzung der politischen Vorgänge „außerhalb der Kollegsmauern“. Jahre zuvor schon haben die Schüler begonnen, über ihre Möglichkeiten der Mitgestaltung ihres Schul- und Heimalltages nachzudenken. Sie begannen Forderungen betreffend der Reformierung von Heim und Schule zu stellen. Ein Schülerrat war gewählt worden, ein Schülerratsvorsitzender – für ein Jahr auch meine Funktion und Tätigkeit – vertrat die Interessen der Schüler gegen die Kollegsleitung, die Lehrerschaft und nicht zuletzt gegen die Eltern.</p>



<p>Diese zarten und vorsichtigen Emanzipationsschritte wurden im Lauf der Zeit nur schneller. Die Politisierung der Schülerschaft ging voran. Heimleitung und Teile der Eltern- und Lehrerschaft sahen sich immer stärker und oft auch immer ratloser dem Drängen der Schüler ausgesetzt. Ein Konflikt bahnte sich an und wurde zur Zerreißprobe.</p>



<p>Mit dem Verbot der Gründung einer Jungsozialistengruppe waren die Schüler direkt herausgefordert. Gegenmaßnahmen waren fast zwangsläufig die Folge. Nachts wurde die Druckerei „besetzt“, Flugblätter wurden gedruckt, eine Schülervollversammlung wurde einberufen, und das während der Unterrichtszeit. Der Unterrichtsstreik war da, bevor er überhaupt beschlossen war. In der Schülervollversammlung herrschte eine erregte Diskussion über die Gegenmaßnahmen seitens der Schülerschaft. Zwei Auffassungen standen sich gegenüber: Eine Gruppe von Schülern vertrat die Auffassung, daß der Unterricht für drei Stunden boykottiert werden sollte. Eine andere Gruppe von Schülern vertrat die Auffassung, daß der gesamte Unterrichtstag, also fünf Stunden lang, gestreikt werden sollte.</p>



<p>Das Ergebnis der Diskussion war: Nach drei Stunden sollten die Schüler in die Klasse zurück, um in den letzten beiden Schulstunden mit den Lehrern über den Vorfall zu diskutieren. Man könnte fast sagen, ein typischer jesuitischer Kompromiss.</p>



<p>Die Auseinandersetzung endete mit einem Sieg der Forderung der Schülerschaft, die Schüler durften Mitglied jeder politischen Partei sein. Eine baden-württembergische Tageszeitung faßte die Ereignisse, die hohe Wellen schlugen, wie folgt zusammen: <em>„Ein Paradebeispiel demokratischer Willensbildung fochten in den letzten Wochen die Internatsschüler des Jesuiten-Kollegs St. Blasien im Hochschwarzwald aus. Gegen den Widerstand der meisten Lehrer dürfen sie nun tun, was gewöhnlich allen Bürgern der BRD dem Grundgesetz nach erlaubt ist: Sie dürfen Mitglied einer politischen Partei sein“</em>.</p>



<p>Ich habe diese Geschichte aus der Erinnerung wiedergegeben, um zu unterstreichen, dass ich meiner Schulzeit in St. Blasien viel zu verdanken habe, in jeder Beziehung. Meine Individualität wurde geschärft in der jesuitischen Kollektiverziehung. Mein Geist wurde geschult in der Auseinandersetzung mit mir weit überlegenen, klugen &#8211; ja manchmal weisen &#8211; Gesprächspartnern. Den historischen Zeitraum, in dem ich das Kolleg besuchte, konnte ich mir nicht aussuchen, die Zeit selbst suchte uns auch nicht aus. Die gesellschaftlichen Vorgänge und Auseinandersetzungen waren ein Teil von uns jungen Schülern, und wir waren ein Teil dieser sich wandelnden Gesellschaft.</p>



<p>Foto: Abijahrgang 1971, Kollegsarchiv</p>



<p></p>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://kollegsgeschichten.de/1971/politikum/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>1</slash:comments>
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Kollegs(er)leben &#8211; davor und danach</title>
		<link>https://kollegsgeschichten.de/1971/kollegserleben-davor-und-danach/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Michael Ehret]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 15 Nov 2022 20:19:59 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[1971]]></category>
		<category><![CDATA[band]]></category>
		<category><![CDATA[blech]]></category>
		<category><![CDATA[bleiche]]></category>
		<category><![CDATA[chor]]></category>
		<category><![CDATA[extern]]></category>
		<category><![CDATA[kollegswecken]]></category>
		<category><![CDATA[musik]]></category>
		<category><![CDATA[orchester]]></category>
		<category><![CDATA[politik]]></category>
		<category><![CDATA[schulstreik]]></category>
		<category><![CDATA[smv]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://kollegsgeschichten.de/?p=402</guid>

					<description><![CDATA[Dabeisein und doch nicht ganz dazugehören, das war für viele “Externe” die Realität, ganz besonders in einer Zeit, als “Externe” in der Minderheit waren.  Sie waren zu Hause, und dann doch wieder am Kolleg, und konnten vom ausserschulischen Programm mit etwas Organisationstalent profitieren.  Wie prägend das war, erzählt dieser Beitrag von Michael Ehret. ]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p>Eigentlich gibt es in meinem Kollegsleben, oder besser Kollegserleben, Eindrücke und Erlebnisse davor und danach.</p>



<p>Anfang der 50er Jahre trat mein Vater Hubert Ehret in den Dienst am Kolleg als Kirchen- und Schulmusiker. Die damals noch kleine Familie fand eine Bleibe in der „Bleiche“,&nbsp; heute das Musikhaus. Erste Kindheitseindrücke waren die großen Kohlehaufen vor dem Südflügel, eine Sägerei und der Hühnerstall zwischen Bleiche und Forsthaus; bei späterem Gang in den Kindergarten St. Blasien dann auch zahlreiche akustische Eindrücke des Lebens hinter den Klostermauern aus den Klassenzimmern im Südflügel, oder zur Mittagszeit um den Nordturm.</p>



<p>Das Kolleg war aber nicht nur räumlich, sondern tagtäglich in unserem Elternhaus präsent. Kinderohren vernahmen nicht nur Schönes, sondern auch Mühseliges vom Kolleg.</p>



<p>Mit dem Übergang in das Gymnasium, nolens volens natürlich im Kolleg, wurde das bisher Gehörte Realität, und vor allem erlebte man Veränderungen an sich, aber auch im Umfeld zunehmend&nbsp; bewusster. Üblich war damals noch eine schriftliche und mündliche Aufnahmeprüfung, gleichsam der Ersatz der heutigen Schulempfehlungen.&nbsp;</p>



<p>In den folgenden Gymnasialjahren von Sexta bis zur Oberprima sollte vieles nicht mehr so sein, wie es anfangs war. Eine Konstante gab es auf jeden Fall, der Kollegswecken zur großen Schulpause. Bei Regenwetter große Pause auf den Sheds, heutige Ostflügel, hinter einem Drahtverhau. Turnen, Theater, Konzerte in der alten Turnhalle im Osthof, heute abgerissen. Patres in schwarzer Umwandung mit weißem Kragen. Eindrücklich auch die Maiandachten im Wald Richtung Lehenkopf.</p>



<p>Wie war es dann Anfang des Siebziger?</p>



<p>Zum Kollegswecken kam noch der Milchverkauf. Der Ostflügel war in der Planung, das Hallenbad war gebaut, die alte Turnhalle stand noch. Die Patres trugen jetzt meist Alltagskleidung. Die Maiandacht im Wald fand nicht mehr statt. Orchestermessen nur noch an hohen Festtagen, dafür sogenannte Beat- oder Jazzmessen in wechselnden Formationen. Erst mit Gospels, später auch mit sogenanntem Neuen Geistlichen Liedgut.&nbsp;</p>



<p>Die Musik am Kolleg war nicht nur durch die Praxis im Chor, Orchester, Blechkapelle, und das Üben in der Musikabteilung (damals neben dem Hallenbad ) an diversen Instrumenten geprägt. Aus den Kellern waren auch rockige und jazzige Töne zu hören. Das Equipment der Band bestand oft nur aus zusammengebastelten alten Röhrenradios, billigen elektrischen Gitarrenhobel und technischer Improvisation. Irgendwie aber auch Kult.</p>



<p>Politisches Bewusstsein der Schülerschaft war durch die 68- Bewegung geweckt. Denkwürdig ein Abend mit dem Sozialistischen Studentenbund (SDS) aus Freiburg, moderiert von Nikolaus Brender. Eine chaotische Diskussion, die mit dem Hinweis auf das Hausrecht durch den damaligen Rektor Pater Kiefl beendet wurde. Schulstreik wegen Ungleichbehandlung von Junger Union und Jungsozialisten. Einführung der Schülermitverwaltung.</p>



<p>War der Abschied nach bestandenem Abitur in den Sechzigern noch eine feierliche Schulversammlung in der Aula mit Zeugnisübergabe, Festreden und Orchester, so war unser Abschied 1971 in Folge modernistischer Zwänge sehr nüchtern. Immerhin noch ein gemeinsames Abendessen. Heute tut es so manchem leid, und die heutige Kollegsgemeinschaft ist auch wieder diesbezüglich zu den schönen Formalien zurückgekehrt.&nbsp;</p>



<p>Nach dem Abitur habe ich die weiteren Geschehnisse am Kolleg, z.B. Kollegsbrand und Wiederaufbau, wiederum über das Elternhaus miterlebt.&nbsp;</p>



<p>Aus der Sicht eines heute 70 Jährigen ist vieles natürlich verklärt. Die seelischen Nöte als Internatsschüler habe ich nicht kennengelernt, meine Kinder sind alle zu Hause aufgewachsen. Jedoch fand meine Jugendzeit auch neben der Schule im Kolleg statt, und viele Freundschaften habe ich dort gefunden.</p>



<p>Gerne kommt unser Jahrgang zum Altschülertreffen und vor allem auch zum Klassentreffen, das der Jahrgang 1971 bis heute durchgehalten hat.</p>



<p><em>(Foto: Altkollegianer <a rel="noreferrer noopener" href="https://www.wolfgangstahl.com" target="_blank">Wolfgang Stahl</a>)</em></p>



<p></p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
	</channel>
</rss>
