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	<title>fuzzi &#8211; KOLLEGSGESCHICHTEN</title>
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	<description>Geschichten vom Kolleg Sankt Blasien</description>
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		<title>Der Speiseplan</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Lemmi]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 30 Oct 2022 17:16:19 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[1987]]></category>
		<category><![CDATA[domhotel]]></category>
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					<description><![CDATA[Wohin führen eigentlich all diese langen Gänge und  verschiedenen Treppenaufgänge im Kolleg? Welche Summe an Kilometern kommt wohl so zusammen innerhalb einer Kollegszeit, während man dort geht, schreitet und sprintet? Und mit welchem Ziel?]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p>Wie viele Kilometer hat man damals wohl während seiner Kollegszeit auf den langen Kollegsgängen zurückgelegt?&nbsp;</p>



<p>Der Blick war &#8211; wahlweise müde, gelangweilt, fröhlich, starr, unruhig, hungrig, erwartungsvoll &#8211; meist auf die wechselnden Bodenbeläge gerichtet. Je nach Stockwerk präsentierte sich Beton, Holzparkett, Mamor. Der Klang der Schritte veränderte sich auf den langen Gängen jeweils eindrucksvoll. Zwischendurch grüßte man Lehrer, Präfekten, Mitschüler &#8211; meist nur mit einem routinierten Nicken. Am Abend und vor allem an Wochenenden begegnete man auch mal niemandem. Man schaute mal hinaus in die Innenhöfe, musste aufpassen, dass man nicht gegen eine der Stahltüren donnert, die gern mal durch freche Sextaner von der anderen Seite zugehalten wurden, und das mindestens zu Dritt. Die langen und teils verschachtelten Gänge und Treppenhäuser zwischen Neu- und Altbau machten es aber auch nicht schwer, einander &#8211; gewollt und weniger gewollt &#8211; aus dem Weg zu gehen.</p>



<p>Allein durch die habituell durchgeführten Prozessionen aus allen Flügeln des Kollegs zu den Speisesälen müssen sich für den Einzelnen über die Kollegsjahre hinweg hunderte von Kilometern Fußweg angesammelt haben. Frühstück, Mittagessen, Teepause, Abendessen. Wobei die &#8222;Teepause&#8220; vor den Studienzeiten nicht so häufig als solche genutzt wurde, weil &#8211; im Gegensatz zu den anderen Mahlzeiten &#8211; diese als freiwillige Veranstaltung deklariert war.</p>



<p>Je näher man sich den Speisesälen näherte, um so stärker präsentierte sich der Geruch, manchmal Duft, der jeweils angebotenen Speisen. Der Schritt beschleunigte sich entsprechend auf der Zielgeraden oder man kämpfte mit einem Fluchtreflex. Besonders stark war dieses Duftspektakel, wenn man sich über die Kellergänge den Speisesälen näherte, um am Ende unterhalb der Küche mit Anlauf die ausgetretenen Stufen des Treppenhauses empor zu hechten.</p>



<p>Im Speisesaal angekommen, schritt man dann möglichst lässig zu seinem angestammten Platz an dem Tisch, den man sich zu Beginn des Schuljahres ausgesucht hatte und der meist mit engeren Freunden besetzt war. Jeder Tisch hatte eine bestimmte Tischordnung, die einer gewissen Hierarchie des Essens folgte. Wer belegt den besten Platz, wer darf sich als Erster bedienen, wer bekommt das beste Stück…? Im besten Fall wechselte &#8211; nach leidenschaftlicher Diskussion &#8211; dieses Procedere täglich. Ausnahmen bestätigten die selbst gemachten Regeln der Tischgemeinschaft.</p>



<p>Waren alle Tische vollständig, gab es ein kurzes Signal. Fuzzi beispielsweise klatschte zweimal schnell hintereinander mit seinen großen Händen laut und &#8211; trotz allgemeiner Unruhe &#8211; für alle vernehmlich und es verstummte daraufhin schlagartig die von den Stühlen aufgesprungene, hungrige Horde. Konditionierung. Es folgte das Tischgebet und nach dem gemeinsam gemurmelten ‚Amen‘ polterten die Stuhlbeine erneut und es ging endlich los.&nbsp;</p>



<p>Zu den Tischmanieren, die häufig eine gewisse Eigendynamik entwickelten und teilweise das Einschreiten der Präfektur erforderlich machten, soll hier nicht näher eingegangen werden. Gaucho berichtete zum Thema „Food fight“ bereits <a rel="noreferrer noopener" href="https://kollegsgeschichten.de/1985/133/" target="_blank">hier eindrucksvoll</a> davon.</p>



<p>Apropos: Fuzzi sorgte immer für Nachschub, wenn er annahm, dass aufgrund der &#8222;Schaufeldynamik&#8220; seiner Zöglinge ein Nachschlag dringend erforderlich sei und meldete dies der Küche entsprechend nachdrücklich. Hungrig wollte er uns offensichtlich nicht entlassen und es war ihm anzusehen, wenn er sich Sorgen machte, dass wir nicht satt würden. Das Essen und die &#8222;Moral der Truppe&#8220; &#8211; das Wechselspiel ist hinlänglich bekannt und birgt gerade und insbesondere bei hungrigen Halbwüchsigen hohes Konfliktpotential. Mit unabsehbaren Folgen für „Zucht und Ordnung“ innerhalb der Kollegsgemeinschaft.</p>



<p>Alle waren ihm dankbar. Nicht nur in dieser Hinsicht.</p>



<p>Ein weiteres Phänomen stellt die kreative Nomenklatur der verschiedenen Gerichte und Getränke dar, die sich im Laufe der Kollegsgeschichte nur unwesentlich verändert haben dürfte: „Fensterleder“ für Pfannkuchen, „Bremsklötze“ für Frikadellen, „Spüli“ für die Zitronenlimonade, „Wochenrückblick“ für den Eintopf am Samstag…um nur einige optische und geschmackliche Assoziationen zu nennen, die sich etabliert haben in das kollektive Sprachgedächnis der (Alt-) Kollegianer. Euch werden sicherlich noch weitere Synonyme einfallen.</p>



<p>Das Essen, das durch das Team der Großküche des Kollegs damals zubereitet wurde, war unter den damaligen Umständen wirklich in den allermeisten Fällen gut (bis sehr gut) und nur selten daneben. Natürlich gab es bestimmte Lieblingsgerichte, die zu besonders lebhaftem Agieren aller Beteiligten führte: Toast Hawai, Nudeln (in allen Variationen), Pizza&#8230;und vor allem: SCHNITZEL!&nbsp;</p>



<p>Samstag oder Sonntags gab es abends immer die „Kalte Platte“, so dass viele sich &#8211; wenn möglich &#8211; entweder in den Abteilungsküchen eine eigene Mahlzeit (Spagehtti-Party, Toast-Wettessen) zubereiteten oder es sich im Fernsehzimmer des Restaurants im Dom-Hotel gemütlich machten, um Unmengen von Käsespätzle mit Soße zu verkosten. Dazu obligat: Weizenbier.</p>



<p>Wenn dort jüngere Kollegianer zugegen waren, denen solche Eskapaden laut Kollegsordnung nicht erlaubt waren, stand meist jemand am Fenster Schmiere und gab Alarm, falls der Schatten Fuzzis über den Domplatz schwebte.</p>



<p>&#8222;Fuzzi kommt!“</p>



<p>Ein plötzlich halb geleertes Fernsehzimmer im Domhotel, auf den Tischen verlassene, noch halbvolle, dampfende Spätzleteller, ein fast geleertes Weizenglas &#8211; dieser Anblick hätte Fuzzis Argwohn und seine unangemeldete Visite nur bestätigt.&nbsp;</p>



<p>Dass der Zusammenhalt über die Klassenstufen und Abteilungen hinaus Bestand hatte, zeigte sich dann in dem Umstand, dass sich die älteren Mitkollegianer, denen der Ausgang erlaubt war &#8211; zuerst um die umgestürzten Stühle kümmerten, nachdem die „Kleinen&#8220; das Etablissement fluchtartig verlassen hatten. Dann zogen sie sich möglichst beiläufig, quasi selbstlos, die verlassenen Teller und Gläser an ihren Platz, neben den eigenen Teller, das eigene Glas.</p>



<p>Und als Fuzzi dann das Eckzimmer erreicht hatte und mit ernster Miene die Szenerie mit schnellen Blicken abtastete, wurde die fraglos und betont lässig vorgetragene Erklärung, dass &#8211; natürlich, nun ja &#8211; der Appetit heute besonders groß sei, mit einem stummen Kopfschütteln quittiert. Er hatte die Situation sofort erfasst. Wenig überraschend.</p>



<p>Wie viele Kilometer hat man damals wohl während seiner Kollegszeit zurückgelegt &#8211; auf der Flucht aus dem Fernsehzimmer des Dom-Hotels, in die dunkle, kalte Nacht hinaus &#8211;&nbsp; vor Fuzzi?</p>
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		<title>Die geheime Dom-Mission</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Gaucho]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 01 Jul 1985 09:46:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[1985]]></category>
		<category><![CDATA[dom]]></category>
		<category><![CDATA[franzosenbau]]></category>
		<category><![CDATA[fuzzi]]></category>
		<category><![CDATA[streich]]></category>
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					<description><![CDATA[Eine Zeit lang konnte man vom Franzosenbau aus in den Dom einsteigen. Nicht ganz ungefährlich, auf keinen Fall zur Nachahmung empfohlen, aber ein spannendes und lustiges Abenteuer – wenn man nicht feststeckt oder vom Fuzzi entdeckt wurde.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p>Ich kam zur Obersekunda ans Kolleg. Die neunten und zehnten Klassen wohnten damals im Franzosenbau. Dort gab es an der westlichen Seite des Gebäudes ein Treppenhaus, das die vier Stockwerke verband und in dem sich die Raucherzonen befanden. Ja, wir haben damals geraucht, also: gefühlt mindestens die Hälfte der älteren Schüler und auch nicht wenige des pädagogischen Personals. Unvorstellbar heute. </p>



<p>Unser Präfekt hieß Herr Gaus, und wenn der nicht da war, übernahm der Fuzzi das Lichtausmachen. „Heia-time“ dröhnte sein fröhlicher Bass dann durch den langen Flur. „Licht aus. Schlaft&#8217;s gut.“ Man tat besser, wie einem geheißen. Der Fuzzi war stellvertretender Internatsleiter und hieß mit vollem Namen Pater Winfried Schüßler SJ. Er hatte mehr Spitznamen und mehr <em>Street Credibility</em> als jeder andere Pater. Außerdem war er doppelt so groß wie ein normaler Pater, hatte Arme wie Telegrafenmasten, Hände groß wie Bratpfannen und besaß noch eine Reihe anderer Eigenschaften, die ihn fast übermenschlich erscheinen ließen. So beherrschte er zum Beispiel die Kunst der <em>Multilokalität</em>, d.h. er konnte gleichzeitig eine Truppe Sextaner zusammenpfeifen, die im Treppenhaus das Geländer herunter rutschten und im selben Moment ein paar Pimpfe beim Rauchen hinten an der Post erwischen. Man hatte das Gefühl, er war überall und sah alles. Einer seiner Spitznamen lautet deshalb auch: ”Das Auge Gottes“. Jeder, der nur für drei Pfenning Verstand besaß, versuchte auf jeden Fall zu vermeiden, seinen Argwohn zu erregen, wenn er irgendwie über die Stränge geschlagen hatte. Ein bißchen wie das Auge Saurons in Mordor: Besser nicht ins Blickfeld geraten. </p>



<p>Zum Beispiel führte man im Speisesaal den beliebten Trick vor, ein volles Saftglas blitzschnell so umzudrehen und auf dem Wachstischtuch abzusetzen, dass nichts herauslief, so dass der Küchendienst es später nicht entfernen konnte, ohne eine Riesensauerei zu machen. Wenn dann auf einmal das Lachen in der Runde erstarb und ein riesiger Schatten sich von hinten heranschob und die Sonne verdunkelte, dann war das der Fuzzi. Er musste gar nichts sagen, denn man rannte noch im selben Augenblick unter dem Murmeln von Entschuldigungen – was denn blos in einen gefahren ist, so eine Unbedachtheit, menschmenschmensch, wirdauchniewiedervorkommen – los und holte flugs Putzlumpen und Eimer und sorgte dafür, das Missgeschick schnell wieder aus der Welt zu räumen. Der Fuzzi änderte dann meistens seinen Kurs und sah davon ab, einem den Kopf vom Rumpf zu trennen und nachdem er, die Jacke um die Schultern geworfen wie Batman sein Cape,  davon geglitten war, um irgendwo anders im Kolleg den Respekt vor Recht und Ordnung wieder herzustellen, merkte man erst, dass einem noch immer die Finger zitterten.</p>



<p>Oder, ebenfalls Speisesaal, man war gerade mitten in einem &#8222;Food Fight&#8220; und beschoss den Nachbartisch mit Rosenkohl, wobei man den Löffel als Katapult benutzte. Und wenn sich ein Geschoß auch nur in die <em>Nähe</em> des INRI an der Wand des Speisesalls verirrte &#8230; <em>same procedure</em>: Schatten, Schweigen, Kopf einziehen, Sauerei beseitigen und für den Rest des Schuljahrs den Ball flach halten. </p>



<p>Nach dem Lichtausmachen schlichen wir manchmal in die Raucherecke im Treppenhaus vom Franzosenbau und qualmten. Und natürlich erwischte uns der Fuzzi, wenn er gerade Patrouille flog, aber wenn er gut drauf war, setzte er sich auf eine Zigarette dazu, quatschte ein bisschen mit uns und scheuchte uns anschließend ins Bett. Die Geschichte davon machte dann am nächsten Tag die Runde, und die Teilnehmenden sonnten sich eine kurze Zeit lang in der Bewunderung, dass sie noch ihren Kopf auf dem Hals trugen.</p>



<p>Auf der obersten Etage des Treppenhauses war eine Luke zum Dachboden. Und von dort aus konnte man ein Loch in der Außenmauer erreichen und dahinter den Spalt zwischen den Außenmauern des Franzosenbaus und des angrenzenden Doms. An den Außenfassaden, zum Domplatz und zum Innenhof hin, war der Spalt zugemauert und oben überdacht und offensichtlich wusste niemand, dass man von dort aus durch ein gegenüberliegendes Loch in der Mauer in den Dom einsteigen konnte. Das war nicht ganz ungefährlich, der Spalt war bestimmt einen dreiviertel Meter breit und das Loch in der Dommauer lag auch nicht direkt gegenüber. Da man etwa auf Höhe des vierten Stocks rumkraxelte, bedeutete Abrutschen einen Fall aus mindestens zehn Metern Höhe. Jedenfalls war es ein großes Abenteuer, in den Dom einzusteigen und das Wissen über den geheimen Zugang wurde unter nur dem Siegel strengster Verschwiegenheit und hinter vorgehaltener Hand weitergegegeben. </p>



<p>Wir verabredeten uns um elf auf der obersten Etage des Treppenhauses unter der Bodenluke, die damals eben noch unverschlossen war. Dunkle Kleidung, Taschenlampen – dass wir uns nicht das Gesicht noch schwarz angemalt hatten, fehlte eigentlich noch. Matz war dabei, der Grieche, Pogo, Joe Pfeil und der Schobinger sowie meine Wenigkeit, und so stiegen wir schnell durch die Luke und schlossen sie dann von oben. Nun musste man schon in unseren Betten suchen, um unser Fehlen zu entdecken. Wobei – beim Fuzzi konnte man nie wissen. Nach einigem Umhertapsen auf dem staubigen Dachboden – der Franzosenbau wurde irgendwann im 18. jahrhundert gebaut und seitdem war auch keine Putzfrau mehr hier gewesen – fanden wir das Loch in der Außenmauer und mussten von dort den Abgrund zwischen den beiden Gebäuden überwinden –&nbsp;„stell dich nicht so an, du Schisser“ – „selber Schisser“ – „hast du mal gesehen, wie scheiß hoch das hier ist?“ – und durch die entsprechende Öffnung in der Dommauer kraxeln. Innerhalb des Doms ging es zwischen Dach und Gebälk etwa zehn Meter schräg nach oben. Es war staubig und stockdunkel. Etwa auf halber Strecke geriet unsere kleine Expedition ins Stocken. Ich weiß nicht mehr, wer vorweg stieg, ich glaube es war der Schobinger. „Hier geht es über einen Balken“, gab er in seinem ruhigen Schwyzerdütsch nach hinten durch, „das könnte vielleicht eng werden.“ </p>



<p>Es wurde eng. Beängstigend eng. Pogo war damals nicht der schlankste. Und natürlich steckte er fest, als er den Balken überwinden wollte. Und natürlich kam er nicht mehr vor und zurück. Wir brachen in leichte Panik aus. Eine Rettungsaktion mit Feuerwehr, die am besten noch das Dach aufsägen musste – das war nicht wünschenswert. Und das anschließende Verhör durch den Fuzzi galt es auch nach Möglichkeit zu vermeiden. Einfach hier bleiben und auf das Ende warten, wurde kurz erwogen, war aber keine echte Option. Also zogen und schoben wir von vorne und hinten – „versuch mal, ganz auszuatmen“ – „tolle Idee, KLUGSCHEISSER“ – aber es funktionierte und irgendwann hatten wir Pogo befreit. Mit dem zerissenen T-Shirt und den Schrammen am Bauch würde er leben können.</p>



<p>Wir streiften durch den Dom wie eine Gruppe Luftschnapper, die tagsüber busseweise auf dem Parkplatz abgeladen wurden. Wir befummelten die Orgel und machten  einen Abstecher in die Sakristei, wo jeder einen „wänzägän Schlock“ vom Messwein aus dem Tabernakel nahm und wir Pogo daran hinderten, mit dem Taschenmesser einen Schmuckstein aus dem Messkelch zu hebeln. Das würde nur Ärger geben.</p>



<p>Zu der Zeit wurde am Dom gebaut. Wenn ich genau drüber nachdenke, wurde am Dom eigentlich permanent gebaut. Jedenfalls stand damals direkt hinter dem Altar ein Hygrometer, mit dem die Jungs vom Bauamt, Denkmalschutzbehörde, Archäologieministerium oder wer auch immer die Luftfeuchtigkeit maßen. Wegen der sensiblen Deckengemälde. Oder um zu kontrollieren, wieviel Feuchtigkeit der Fake-Marmor der Säulen, die damals gerade renoviert wurden, beim Trocknen abgab. An dem Ding fummelte jedenfalls einer von uns herum und versuchte, mit dem feinen Schreiber eine Botschaft auf der sich drehenden Papierwalze zu hinterlassen. </p>



<p>Wir schafften den Rückweg über den Balken und hatten den Abgrund zwischen den Mauern überwunden. Nun  kletterten wir aus der Luke vom Dachboden herunter, als wir schwere Schritte hörten, die sich durch den langen Flur im oberen Stock des Franzosenbaus näherten. Der Fuzzy war auf Patrouille. Fuckfuckfuck. Mit seinem untrüglichen Gespür würde er auf der Stelle die gesamte Situation erfassen, ein Urteil fällen und noch an Ort und Stelle vollstrecken. Das war&#8217;s dann. Wir waren geliefert. </p>



<p>„Hat jemand Zigaretten dabei?&#8220; fragte der Schobinger da. Gute Idee. Noch schnell eine rauchen vor dem Ende. „Was soll die Scheiße?&#8220; knurrte Pogo verärgert. Der Grieche kramte eine zerknitterte Schachtel Papastratos aus der Hosentasche und hielt sie dem Schobinger hin. Die Schritte kamen näher und man konnte schon das gutgelaunte Summen deutlich  vernehmen. In aller Seelenruhe ließ sich der Schobinger vom Griechen mit zitternden Fingern Feuer geben, dann ließ er sich auf einem der Stühle im Rauchereck nieder und sah uns auffordernd an. Blitzartig rissen wir dem Griechen seine filterlosen Kippen aus der Schachtel und verteilten uns auf die restlichen Stühle und rauchten – eine Handvoll entspannter Sekundaner, die sich spontan auf einen kleinen Plausch im Rauchereck getroffen hatten. Mitten in der Nacht.</p>



<p>„Ja, was machts denn ihr da heraußen mitten in der Nacht?&#8220; dröhnte der Bass des Fuzzi durchs Treppenhaus. „Seid ihr denn von allen guten Geistern verlassen?&#8220; Wir murmelten was von: noch was dringendes zu besprechen wegen der Theateraufführung vom Leu am Wochennende oder irgend einen anderen fadenscheinigen Unsinn. Der Fuzzi ließ seinen  Röntgenblick über unseren kleinen Haufen streichen. Irgendwas war hier faul, das konnte er riechen. In dem Moment rieselte aus der Dachluke ein feiner Faden Staub. Der Fuzzi hob ruckartig den Kopf, zerrieb etwas von dem Staub zwischen seinen Fingern und roch daran. Dann streckte er seine riesige Pranke über den Kopf und drückte die Dachluke, die noch einen Spalt offen stand, ins Schloß. Sie knarzte etwas und öffnete sich wieder. </p>



<p>„Ihr machts jetzt eure Zigrettn aus und verschwindet auf eure Stubn und zwar <em>zackzack</em>.“ Er warf noch einen Blick auf die Dachluke. „Des soll der Hausmeister richten morgen.“ Dann machte er auf dem Absatz kehrt und rauschte davon. Wir hatten Glück gehabt, waren noch einmal davon gekommen. Wir klopften uns den Staub aus den Haaren und verschwanden in den Zimmern. Und in den folgenden Tagen nickten wir uns verschwörerisch zu, wenn wir uns auf den Schulgängen begegneten. </p>



<p>Die Baubehörde war es dann am Ende, die das nächtliche Eindringen in den Dom bemerkte und dem Kolleg meldete: Das empfindliche Hygrometer am Altar habe die erhöhte Luftfeuchtigkeit, die mit Sicherheit von menschlichen Körpern abgesondert worden war, samt Uhrzeit registriert. Erstaunlich, was die Technik schon damals zu leisten vermochte. Ob man sich das erklären könne?</p>



<p>Ärger gab es übrigens nach einer anderen, späteren Tour durch den Dom, als ein Junge in den Glockenturm neben dem Hauptportal stieg und versehentlich die Papstglocke in Gang setzte, die – man ahnt es bereits – nur dann geläutet wird, wenn der Chefposten in Rom neu zu besetzen ist. War er aber nicht. Johannes Paul II. hatte damals noch rund zwanzig Jahre Pontifikat vor sich. Die Popen fanden das mit dem Läuten aber nicht so lustig und ließen den Erzbischof aus Freiburg kommen, um den Dom neu zu weihen. Aber das ist eine andere Geschichte – und vielleicht gibt es ja jemanden, der sie kennt und hier erzählen mag.</p>
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