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	<title>dom &#8211; KOLLEGSGESCHICHTEN</title>
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	<description>Geschichten vom Kolleg Sankt Blasien</description>
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	<title>dom &#8211; KOLLEGSGESCHICHTEN</title>
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		<title>Die geheime Dom-Mission</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Gaucho]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 01 Jul 1985 09:46:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[1985]]></category>
		<category><![CDATA[dom]]></category>
		<category><![CDATA[franzosenbau]]></category>
		<category><![CDATA[fuzzi]]></category>
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					<description><![CDATA[Eine Zeit lang konnte man vom Franzosenbau aus in den Dom einsteigen. Nicht ganz ungefährlich, auf keinen Fall zur Nachahmung empfohlen, aber ein spannendes und lustiges Abenteuer – wenn man nicht feststeckt oder vom Fuzzi entdeckt wurde.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p>Ich kam zur Obersekunda ans Kolleg. Die neunten und zehnten Klassen wohnten damals im Franzosenbau. Dort gab es an der westlichen Seite des Gebäudes ein Treppenhaus, das die vier Stockwerke verband und in dem sich die Raucherzonen befanden. Ja, wir haben damals geraucht, also: gefühlt mindestens die Hälfte der älteren Schüler und auch nicht wenige des pädagogischen Personals. Unvorstellbar heute. </p>



<p>Unser Präfekt hieß Herr Gaus, und wenn der nicht da war, übernahm der Fuzzi das Lichtausmachen. „Heia-time“ dröhnte sein fröhlicher Bass dann durch den langen Flur. „Licht aus. Schlaft&#8217;s gut.“ Man tat besser, wie einem geheißen. Der Fuzzi war stellvertretender Internatsleiter und hieß mit vollem Namen Pater Winfried Schüßler SJ. Er hatte mehr Spitznamen und mehr <em>Street Credibility</em> als jeder andere Pater. Außerdem war er doppelt so groß wie ein normaler Pater, hatte Arme wie Telegrafenmasten, Hände groß wie Bratpfannen und besaß noch eine Reihe anderer Eigenschaften, die ihn fast übermenschlich erscheinen ließen. So beherrschte er zum Beispiel die Kunst der <em>Multilokalität</em>, d.h. er konnte gleichzeitig eine Truppe Sextaner zusammenpfeifen, die im Treppenhaus das Geländer herunter rutschten und im selben Moment ein paar Pimpfe beim Rauchen hinten an der Post erwischen. Man hatte das Gefühl, er war überall und sah alles. Einer seiner Spitznamen lautet deshalb auch: ”Das Auge Gottes“. Jeder, der nur für drei Pfenning Verstand besaß, versuchte auf jeden Fall zu vermeiden, seinen Argwohn zu erregen, wenn er irgendwie über die Stränge geschlagen hatte. Ein bißchen wie das Auge Saurons in Mordor: Besser nicht ins Blickfeld geraten. </p>



<p>Zum Beispiel führte man im Speisesaal den beliebten Trick vor, ein volles Saftglas blitzschnell so umzudrehen und auf dem Wachstischtuch abzusetzen, dass nichts herauslief, so dass der Küchendienst es später nicht entfernen konnte, ohne eine Riesensauerei zu machen. Wenn dann auf einmal das Lachen in der Runde erstarb und ein riesiger Schatten sich von hinten heranschob und die Sonne verdunkelte, dann war das der Fuzzi. Er musste gar nichts sagen, denn man rannte noch im selben Augenblick unter dem Murmeln von Entschuldigungen – was denn blos in einen gefahren ist, so eine Unbedachtheit, menschmenschmensch, wirdauchniewiedervorkommen – los und holte flugs Putzlumpen und Eimer und sorgte dafür, das Missgeschick schnell wieder aus der Welt zu räumen. Der Fuzzi änderte dann meistens seinen Kurs und sah davon ab, einem den Kopf vom Rumpf zu trennen und nachdem er, die Jacke um die Schultern geworfen wie Batman sein Cape,  davon geglitten war, um irgendwo anders im Kolleg den Respekt vor Recht und Ordnung wieder herzustellen, merkte man erst, dass einem noch immer die Finger zitterten.</p>



<p>Oder, ebenfalls Speisesaal, man war gerade mitten in einem &#8222;Food Fight&#8220; und beschoss den Nachbartisch mit Rosenkohl, wobei man den Löffel als Katapult benutzte. Und wenn sich ein Geschoß auch nur in die <em>Nähe</em> des INRI an der Wand des Speisesalls verirrte &#8230; <em>same procedure</em>: Schatten, Schweigen, Kopf einziehen, Sauerei beseitigen und für den Rest des Schuljahrs den Ball flach halten. </p>



<p>Nach dem Lichtausmachen schlichen wir manchmal in die Raucherecke im Treppenhaus vom Franzosenbau und qualmten. Und natürlich erwischte uns der Fuzzi, wenn er gerade Patrouille flog, aber wenn er gut drauf war, setzte er sich auf eine Zigarette dazu, quatschte ein bisschen mit uns und scheuchte uns anschließend ins Bett. Die Geschichte davon machte dann am nächsten Tag die Runde, und die Teilnehmenden sonnten sich eine kurze Zeit lang in der Bewunderung, dass sie noch ihren Kopf auf dem Hals trugen.</p>



<p>Auf der obersten Etage des Treppenhauses war eine Luke zum Dachboden. Und von dort aus konnte man ein Loch in der Außenmauer erreichen und dahinter den Spalt zwischen den Außenmauern des Franzosenbaus und des angrenzenden Doms. An den Außenfassaden, zum Domplatz und zum Innenhof hin, war der Spalt zugemauert und oben überdacht und offensichtlich wusste niemand, dass man von dort aus durch ein gegenüberliegendes Loch in der Mauer in den Dom einsteigen konnte. Das war nicht ganz ungefährlich, der Spalt war bestimmt einen dreiviertel Meter breit und das Loch in der Dommauer lag auch nicht direkt gegenüber. Da man etwa auf Höhe des vierten Stocks rumkraxelte, bedeutete Abrutschen einen Fall aus mindestens zehn Metern Höhe. Jedenfalls war es ein großes Abenteuer, in den Dom einzusteigen und das Wissen über den geheimen Zugang wurde unter nur dem Siegel strengster Verschwiegenheit und hinter vorgehaltener Hand weitergegegeben. </p>



<p>Wir verabredeten uns um elf auf der obersten Etage des Treppenhauses unter der Bodenluke, die damals eben noch unverschlossen war. Dunkle Kleidung, Taschenlampen – dass wir uns nicht das Gesicht noch schwarz angemalt hatten, fehlte eigentlich noch. Matz war dabei, der Grieche, Pogo, Joe Pfeil und der Schobinger sowie meine Wenigkeit, und so stiegen wir schnell durch die Luke und schlossen sie dann von oben. Nun musste man schon in unseren Betten suchen, um unser Fehlen zu entdecken. Wobei – beim Fuzzi konnte man nie wissen. Nach einigem Umhertapsen auf dem staubigen Dachboden – der Franzosenbau wurde irgendwann im 18. jahrhundert gebaut und seitdem war auch keine Putzfrau mehr hier gewesen – fanden wir das Loch in der Außenmauer und mussten von dort den Abgrund zwischen den beiden Gebäuden überwinden –&nbsp;„stell dich nicht so an, du Schisser“ – „selber Schisser“ – „hast du mal gesehen, wie scheiß hoch das hier ist?“ – und durch die entsprechende Öffnung in der Dommauer kraxeln. Innerhalb des Doms ging es zwischen Dach und Gebälk etwa zehn Meter schräg nach oben. Es war staubig und stockdunkel. Etwa auf halber Strecke geriet unsere kleine Expedition ins Stocken. Ich weiß nicht mehr, wer vorweg stieg, ich glaube es war der Schobinger. „Hier geht es über einen Balken“, gab er in seinem ruhigen Schwyzerdütsch nach hinten durch, „das könnte vielleicht eng werden.“ </p>



<p>Es wurde eng. Beängstigend eng. Pogo war damals nicht der schlankste. Und natürlich steckte er fest, als er den Balken überwinden wollte. Und natürlich kam er nicht mehr vor und zurück. Wir brachen in leichte Panik aus. Eine Rettungsaktion mit Feuerwehr, die am besten noch das Dach aufsägen musste – das war nicht wünschenswert. Und das anschließende Verhör durch den Fuzzi galt es auch nach Möglichkeit zu vermeiden. Einfach hier bleiben und auf das Ende warten, wurde kurz erwogen, war aber keine echte Option. Also zogen und schoben wir von vorne und hinten – „versuch mal, ganz auszuatmen“ – „tolle Idee, KLUGSCHEISSER“ – aber es funktionierte und irgendwann hatten wir Pogo befreit. Mit dem zerissenen T-Shirt und den Schrammen am Bauch würde er leben können.</p>



<p>Wir streiften durch den Dom wie eine Gruppe Luftschnapper, die tagsüber busseweise auf dem Parkplatz abgeladen wurden. Wir befummelten die Orgel und machten  einen Abstecher in die Sakristei, wo jeder einen „wänzägän Schlock“ vom Messwein aus dem Tabernakel nahm und wir Pogo daran hinderten, mit dem Taschenmesser einen Schmuckstein aus dem Messkelch zu hebeln. Das würde nur Ärger geben.</p>



<p>Zu der Zeit wurde am Dom gebaut. Wenn ich genau drüber nachdenke, wurde am Dom eigentlich permanent gebaut. Jedenfalls stand damals direkt hinter dem Altar ein Hygrometer, mit dem die Jungs vom Bauamt, Denkmalschutzbehörde, Archäologieministerium oder wer auch immer die Luftfeuchtigkeit maßen. Wegen der sensiblen Deckengemälde. Oder um zu kontrollieren, wieviel Feuchtigkeit der Fake-Marmor der Säulen, die damals gerade renoviert wurden, beim Trocknen abgab. An dem Ding fummelte jedenfalls einer von uns herum und versuchte, mit dem feinen Schreiber eine Botschaft auf der sich drehenden Papierwalze zu hinterlassen. </p>



<p>Wir schafften den Rückweg über den Balken und hatten den Abgrund zwischen den Mauern überwunden. Nun  kletterten wir aus der Luke vom Dachboden herunter, als wir schwere Schritte hörten, die sich durch den langen Flur im oberen Stock des Franzosenbaus näherten. Der Fuzzy war auf Patrouille. Fuckfuckfuck. Mit seinem untrüglichen Gespür würde er auf der Stelle die gesamte Situation erfassen, ein Urteil fällen und noch an Ort und Stelle vollstrecken. Das war&#8217;s dann. Wir waren geliefert. </p>



<p>„Hat jemand Zigaretten dabei?&#8220; fragte der Schobinger da. Gute Idee. Noch schnell eine rauchen vor dem Ende. „Was soll die Scheiße?&#8220; knurrte Pogo verärgert. Der Grieche kramte eine zerknitterte Schachtel Papastratos aus der Hosentasche und hielt sie dem Schobinger hin. Die Schritte kamen näher und man konnte schon das gutgelaunte Summen deutlich  vernehmen. In aller Seelenruhe ließ sich der Schobinger vom Griechen mit zitternden Fingern Feuer geben, dann ließ er sich auf einem der Stühle im Rauchereck nieder und sah uns auffordernd an. Blitzartig rissen wir dem Griechen seine filterlosen Kippen aus der Schachtel und verteilten uns auf die restlichen Stühle und rauchten – eine Handvoll entspannter Sekundaner, die sich spontan auf einen kleinen Plausch im Rauchereck getroffen hatten. Mitten in der Nacht.</p>



<p>„Ja, was machts denn ihr da heraußen mitten in der Nacht?&#8220; dröhnte der Bass des Fuzzi durchs Treppenhaus. „Seid ihr denn von allen guten Geistern verlassen?&#8220; Wir murmelten was von: noch was dringendes zu besprechen wegen der Theateraufführung vom Leu am Wochennende oder irgend einen anderen fadenscheinigen Unsinn. Der Fuzzi ließ seinen  Röntgenblick über unseren kleinen Haufen streichen. Irgendwas war hier faul, das konnte er riechen. In dem Moment rieselte aus der Dachluke ein feiner Faden Staub. Der Fuzzi hob ruckartig den Kopf, zerrieb etwas von dem Staub zwischen seinen Fingern und roch daran. Dann streckte er seine riesige Pranke über den Kopf und drückte die Dachluke, die noch einen Spalt offen stand, ins Schloß. Sie knarzte etwas und öffnete sich wieder. </p>



<p>„Ihr machts jetzt eure Zigrettn aus und verschwindet auf eure Stubn und zwar <em>zackzack</em>.“ Er warf noch einen Blick auf die Dachluke. „Des soll der Hausmeister richten morgen.“ Dann machte er auf dem Absatz kehrt und rauschte davon. Wir hatten Glück gehabt, waren noch einmal davon gekommen. Wir klopften uns den Staub aus den Haaren und verschwanden in den Zimmern. Und in den folgenden Tagen nickten wir uns verschwörerisch zu, wenn wir uns auf den Schulgängen begegneten. </p>



<p>Die Baubehörde war es dann am Ende, die das nächtliche Eindringen in den Dom bemerkte und dem Kolleg meldete: Das empfindliche Hygrometer am Altar habe die erhöhte Luftfeuchtigkeit, die mit Sicherheit von menschlichen Körpern abgesondert worden war, samt Uhrzeit registriert. Erstaunlich, was die Technik schon damals zu leisten vermochte. Ob man sich das erklären könne?</p>



<p>Ärger gab es übrigens nach einer anderen, späteren Tour durch den Dom, als ein Junge in den Glockenturm neben dem Hauptportal stieg und versehentlich die Papstglocke in Gang setzte, die – man ahnt es bereits – nur dann geläutet wird, wenn der Chefposten in Rom neu zu besetzen ist. War er aber nicht. Johannes Paul II. hatte damals noch rund zwanzig Jahre Pontifikat vor sich. Die Popen fanden das mit dem Läuten aber nicht so lustig und ließen den Erzbischof aus Freiburg kommen, um den Dom neu zu weihen. Aber das ist eine andere Geschichte – und vielleicht gibt es ja jemanden, der sie kennt und hier erzählen mag.</p>
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		<title>Die Orgel-Ampel</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Hieronymus Fürst Clary]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 01 Jul 1965 09:15:27 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[1965]]></category>
		<category><![CDATA[dom]]></category>
		<category><![CDATA[ehret]]></category>
		<category><![CDATA[messe]]></category>
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					<description><![CDATA[Damit der Organist weiß, wie weit die liturgischen Handlung vorangeschritten ist, muss ein liturgieerfahrener Schüler von der Galerie aus Zeichen geben. Und der braucht einen Stellvertreter – der ebenfalls einen Stellvertreter braucht ... ]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p>Wer den aus Rundbau und Chorraum bestehenden Dom in St. Blasien kennt, wird wissen oder sich daran erinnern, dass die Orgel – und damit auch der Organist – ganz hinten, oberhalb des Chorraums, ihren Platz hatten. Der Altar bestand zu meiner Kollegszeit, Abi 1965, nicht wie heute aus einem kleinen Altartisch und einem kunstvollen Gitter, das den Chorraum abgrenzt. Seinerzeit stand dort ein Hochaltar auf einem mehrstufigen Sockel, an dem die Priester mit dem Rücken zum Volk zelebrierten. Der Tabernakel war Teil eines sehr hohen hölzernen Altaraufsatzes, der den Altartisch selbst um viele Meter überragte und dadurch auch den Chorraum vom Kirchenraum zu den Seiten in der Rotunde abgrenzte. So war es für den Organisten nicht möglich, erfassen zu können, was am Altar, drumherum oder dem Rundbau selbst liturgisch gerade wie weit fortgeschritten war.</p>



<p>Es war aber wichtig, darüber Bescheid zu wissen, vor allem deshalb, weil in der Zeit, über die ich hier schreibe, alle Gottesdienste auch noch von größeren Ministrantengruppen verschönert wurden. Davon taten nur einige wenige am Altar selbst tatsächlich vorkonziliaren Dienst: Messbuch von rechts nach links bringen und umgekehrt, Wein und Wasser andienen, Weihrauch verbreiten, u.s.w. Die meisten führten nur liturgische „Truppen-Bewegungen“ durch, so nach der Art: mit Kerzen einziehen, mit Kerzen wieder raus, ohne Kerzen wieder rein, dann wieder raus, schließlich wieder mit Kerzen rein und so weiter und so weiter.</p>



<p>Heutzutage mag es ein raffiniertes System von Kameras und Bildschirmen möglich machen, den Organisten informiert zu halten. Damals gab es nichts davon, auch ein System von Spiegeln hätte die weite Distanz nicht überbrücken können. Dennoch musste der Organist wissen, wie weit die liturgischen Handlungen waren, ob vielleicht noch eine Strophe zu spielen sei oder eine Zwischenmusik doch schon zu einem Ende kommen sollte. Deshalb wurde es eingerichtet, dass ein liturgieerfahrener Schüler dazu bestimmt wurde, in der Rotunde hinten, oben auf der Galerie, über den Altaraufsatz hinweg Zeichen zu machen, was an der Orgel zu tun sei: ausgestreckte Arme = weiterspielen, Arme nach oben = abschließen. So, wie ein Polizist, wenn eine Ampel ausgefallen ist.</p>



<p>Der dafür Verantwortliche hatte auch vor der Heiligen Messe die Tafel mit den Liednummern zu bestücken und dann, bevor er nach oben auf die Galerie ging, diese aus der Sakristei nach vorne zu bringen und auf den Sockel der rechten Säule abzustellen. Die Tafel war groß, weil die Nummernplättchen eine entsprechende Größe haben mussten, damit sie jeder in der Kirche erkennen konnte. Sie war deshalb auch schwer, weshalb allgemein darauf geachtet wurde, dass der jeweilige Verantwortliche stark genug war, sie mit einer Hand nach vorne zu tragen und aufzustellen, ohne zu zittern oder einzelne Plättchen herausrutschen zu lassen, denn die schwere Tafel konnte die ganze Strecke von der Sakristei bis zur Säule nicht immer ganz gerade gehalten werden.</p>



<p>Das alles war eine wichtige, sehr verantwortungsvolle Aufgabe. Etwa 1962 wurde mein Freund Rolf, ein ehemaliger Oberministrant, damit betraut. Zusammen mit unserem Freund Henning besprachen wir alle Aspekte, die mit dieser Aufgabe verbunden waren und erkannten sehr bald ein Problem: Was würde wohl passieren, wenn es dem Rolf dort oben zum Beispiel schlecht würde und er keine Zeichen mehr geben könnte; dann würde ja der Organist ewig weiterspielen, was aber wiederum für Herrn Ehret, unserem Musiklehrer und Organisten, nicht zumutbar gewesen wäre.</p>



<p>Als Lösung konnte nur dienen, dass Rolf einen Ersatzmann bräuchte, der ebenfalls schon von Anfang an und die ganze Zeit bei ihm oben auf der Galerie sein musste, um notfalls übernehmen zu können. P. Rektor stimmte diesem Vorschlag zu, dass Henning für diese Aufgabe der Richtige sei. Aber vorausdenkend, wie wir erzogen waren, erkannten wir, dass ja auch ihm etwas hätte passieren können. So wurde uns klar, dass die Situation nur dann befriedigend gesichert werden könnte, wenn drei Mann auf der Galerie zu Verfügung stehen würden – und der dritte Mann war von da an ich.</p>



<p>Problem erkannt &#8211; Gefahr gebannt.</p>



<p>Oben gab es in einer von unten nicht einsehbaren Ecke eine bequeme Bank, auf der man sitzen konnte, wann und solange man wollte, wo man auch leise schwätzen konnte, wenn die Predigt langweilig war. Zum Glück ist natürlich nie etwas vorgekommen, was den Einsatz des Stellvertreters oder des Stellvertreter-Stellvertreters nötig gemacht hätte. Allerdings ergab es sich einmal an einem Pfingstsonntag, dass Rolf im Chor singen und Henning überhaupt nach Hause fahren würde – aber da war ich ja da. Die Aufgabe war leicht, weil nur der Chor während der Messe singen würde, und deshalb weder eine Liedtafel aufzustellen noch der Verlauf der Liturgie zu beobachten war. Auch beim Schlusslied „Großer Gott“ waren von vornherein drei Strophen Gesang festgelegt worden, der Auszug sollte dann während des Orgelnachspiels erfolgen, dessen Dauer ebenfalls feststand. Es war also nur ein schöner, feierlicher Gottesdienst zu erwarten.</p>



<p>Schon am Samstag hatte mich dann jedoch einer meiner Freunde darauf angesprochen, ob seine Eltern vielleicht ausnahmsweise den Gottesdienst auf der Galerie mitfeiern dürften, da sein kriegsversehrter Vater nicht knien konnte. Zwischen den Säulen des Doms konnte er zwar sitzen, hätte aber nicht viel miterleben können. Ich war einverstanden, verwies aber an das Rektorat, um auch dort die Zustimmung einzuholen. Nachdem diese erteilt worden war, führte ich am Sonntag die Eltern auf die Galerie. Dort blieben wir drei dann allerdings weit voneinander getrennt und nachdem ich ja eigentlich gar nichts zu tun hatte, kniete, stand und saß ich halt auch nur so, wie es liturgisch für alle Gläubigen üblich war.</p>



<p>Schließlich ging der Festgottesdienst seinem Ende entgegen und das „Te Deum“ wurde angestimmt, das ich besonders gerne singe. Ich stellte mich dazu in der Mitte an die Balustrade, bereitete schon während des Vorspiels meine Arme aus, da der Organist ja sowieso nicht darauf zu achten hatte, und sang falsch, aber aus vollem Halse mit. &#8211; Man hätte mich ja unten während des allgemeinen Gesanges auf keinen Fall hören können.</p>



<p>Nach dem Ende der dritten Strophe und dem Auszug von Ministranten und Priesterschaft machten sich dann auch die Eltern meines Freundes an den Abstieg; ich räumte noch etwas weg und traf sie dann im Gewusel nach dem Hochamt auch nicht mehr wieder. Als aber dann am Abend ihr Sohn zurück in den Schlafsaal kam, schüttete er sich aus vor Lachen und erzählte, dass seine Eltern ihm davon berichtet hätten, wie tief beeindruckt sie von der inbrünstigen Frömmigkeit gewesen wären, mit der ich den Lobpreis gesungen hätte: laut, sogar mit weit geöffneten Armen, wie ein Engel. </p>



<p>Ein sehr freundliches Lob &#8211; aber natürlich völlig unberechtigt. Ich war – und bin – ja nicht unfromm, aber tatsächlich in punkto Frömmigkeit doch ein ganz „Kleiner“. Aber seitdem reflektiere ich immer die Orgel-Ampel, wenn gesungen wird:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>„Dich, Gott Va-ater, a-auf dem Thron,<br>loben Gro-oße, lo-oben Kleine,<br>Deinem a-eingebor-hornen Sohn<br>singt die ha-eilige-e Gemeinde,<br>und sie ehrt den Heil’gen Geist,<br>der uns sa-einen Tro-ost erweist.“</p></blockquote>
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