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	<title>1985 &#8211; KOLLEGSGESCHICHTEN</title>
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	<description>Geschichten vom Kolleg Sankt Blasien</description>
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		<title>Als Fremder gekommen – in Freundschaft gegangen</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Pogo]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 07 Oct 2022 09:07:26 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[1985]]></category>
		<category><![CDATA[prägung]]></category>
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					<description><![CDATA[Selbst wenn man nicht freiwillig im Kolleg gelandet ist – die Erfahrungen können einen Menschen ein Leben lang (positiv) prägen. Doch es kommt auch darauf an, welche Persönlichkeit man selbst mitbringt – und wie man sich in das Leben im Internat einbringt.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p>An den trüben Februartag Anfang der 80er kann ich mich noch gut erinnern. Tag des Einzugs in ein 6er Zimmer, jedes Bett von mannshohen Holzwänden umgeben. Das hatte nichts von Harry Potter Hanni und Nanni Romantik. Es fühlte sich fremd an, mehr Straflager als Zukunft.<br>„Was soll’s, jetzt bist Du schonmal hier, dann lass mal gucken, was die Spacken hier so drauf haben“ So oder ähnlich bin ich am ersten Abend eingeschlafen.</p>



<p>Als Schüler habe ich im Jetzt gelebt, ohne viele Gedanken an eine mögliche Zukunft. Mit 15 wollte ich jedenfalls nicht ins Internat, die Entscheidung meiner Eltern war nicht meine Vorstellung von Schule.</p>



<p>Einerseits war ich in der Zeit zwischen 16 und 19 Jahren sehr empfänglich für alle möglichen Ideen und habe mich wie ein Schwamm gefühlt, der Wissen und Eindrücke aufsaugt. Gleichzeitig ist das hermetische, ja fast endemische Leben im Internat ein Brennglas und Katalysator gleichermaßen. Ich war stark genug, mir meine Unabhängigkeit zu bewahren, bis an den Rand des Rauswurfs und zeitweise auch darüber hinaus.</p>



<p>Ich habe Macht nie mit Autorität gleichgesetzt und nur letzteres akzeptiert. Mich haben &#8211; das weiß ich heute &#8211; einige Patres geprägt, die mich in meinem unbedingten Wunsch nach Erkenntnis unterstützt haben. Das Leben auf engstem Raum, auch emotional, ohne Ausweichen zu können, Konflikte lösen zu müssen und dabei keine Instanz wie ältere Geschwister oder eine Peer Group außerhalb des Internats zu haben, das hat mich geprägt.</p>



<p>Ironie, Rabulistik, manchmal Zynismus und immer der unbedingte Wille, mich in Diskussionen mit Argumenten durchzusetzen haben mich geformt. Einmal, während der Zeit der großen Friedensdemonstrationen 1983 und 1984, bin ich von St. Blasien nach Mutlangen zur Besetzung des Atomwaffenlagers getrampt, ein Erzieher wusste das und er hat mich machen lassen.</p>



<p>Wir haben viele Wochenenden in Kollegshütten im Wald verbracht, sind in Freiburg und Zürich gewesen oder auch nachts in den Dom eingestiegen &#8211; wir wollten uns ausprobieren und haben es einfach gemacht. Dieses Gefühl, alles schaffen zu können und nie daran zu zweifeln, dass Dinge gelingen werden &#8211; das habe ich in meinen Jahren in St. Blasien verinnerlicht. Anekdoten darüber kann ich zwar stundenlang erzählen, lachen können darüber allerdings nur die, die es miterlebt haben.</p>



<p>Was ich seinerzeit als gefängnisähnliche Enge empfunden habe, mit strengem Tagesablauf, sehe ich heute vielmehr als Rahmen, der mir Entwicklung ermöglicht hat. Prägende Ereignisse sind oft mit Personen verbunden. Pater Friedo Pflüger (leider weit vor seiner Zeit gestorben), der Erzieher Joachim Kreichelt, Thomas &#8222;Gaucho&#8220; Gräf, Ralf Laier, Matthias Weber, Christian &#8222;Grieche&#8220; Kuhna, mein Deutschlehrer Meinrad Emmerich (auch er ist viel zu früh gestorben) sind für mich prägende Menschen, zum Teil bin ich bis heute mit ihnen verbunden.</p>



<p>In unserer peer group hatten wir ein unausgesprochenes Selbstverständnis und eine Verbundenheit, die ich nicht durch Anekdoten erhellen will, die mich rückblickend immer wieder mit tiefem Dank erfüllt. Der Erzieher Joachim Kreichelt mit seinem VW Variant 1600 zum Beispiel war von nie versiegender Hoffnung, dass ich meinen Weg gehen kann und hat mir sicherlich mehr verziehen als ich damals wahrgenommen habe. Einmal hat er mich selbst nach Freiburg aufs Volksfest gefahren, um mir einen Abend Auszeit zu geben, hat mit mir jede noch so abgefahrene Diskussion in jeder Lautstärke geführt und ausgehalten. Er hat mir einen Feuerschamanen (wirklich!) vermittelt, der im Menzenschwander Wald ein riesiges Feuer mit mir als 17 jährigen geschürt hat. Pater Frido Pflüger SJ hat unseren ganzen Jahrgang geprägt wie kein zweiter. Seine Gelassenheit, sein großes Herz und sein unbedingter Wille, uns zu verstehen hat mich tatsächlich schon in meiner Schulzeit beeindruckt. Erlebnisse mit ihm gibt es viele, die Exerzitien nach Mannheim oder Glashütten habe ich aber noch heute sehr deutlich vor mir.</p>



<p>Auch wenn Schule und Internat viel Wert darauf legen, Wissen zu vermitteln, so sind es doch ganz andere Dinge, die wir als Schüler am Kolleg und insbesondere im Internat gelernt haben. Verwechsele niemals Macht mit Autorität, der Mensch steht IMMER im Mittelpunkt, Empathie ist wichtiger als alles andere, Führung hat nichts mit managen zu tun. Menschen sollten immer das tun dürfen, was sie am besten können und zugleich am liebsten machen. Wir können die Welt zu einem besseren Ort machen.</p>



<p>St. Blasien war für mich ein Ort der Herausforderungen, die für mich zeitweise schier unüberwindbar schienen. Für mich und für viele um mich herum hat es bedeutet zu erkennen, wenn ich im Internat nicht scheitere, dann muss ich keine Angst haben, irgendwo anders scheitern zu können.</p>



<p>Der Einsatz, sein Kind an ein Internat zu geben, ist hoch. Denn das Risiko zu scheitern, ist im Internatsleben inbegriffen und der Preis ist dann so hoch, dass er ebenfalls ein Leben prägt. Im Internat reift und wächst ein Kind schneller, wer die richtige peer group, die richtigen Abbiegepunkte erwischt, der wird sein Leben davon geprägt sein und es mögen. Ich habe meinen Söhnen oftmals gesagt, wenn sie mich zum Internat gefragt haben: &#8222;Ihr dürft hingehen, wenn ihr es selber bezahlen könnt.“</p>



<p>Nach den Sommerferien haben wir als Rückkehrer immer gewusst, dass es sich für die Neuen in den ersten zwei Wochen entscheidet, ob sie es packen oder nicht. Jugendliche sind emotional knallhart und unerbittlich im Herausfinden von Schwächen, die dann genüsslich getestet werden. Ich kann im Internat nicht entfliehen, selbst wenn ich es will und es dringend nötig wäre und die Nischen sind alle besetzt, wenn ich hinkomme.</p>



<p>Beruflich hat mir die Prägung durch das Internat geholfen. Es ist dieses Gefühl, alles erreichen zu können, unbedingtes Selbstvertrauen und angstfrei zu sein bei Entscheidungen. Viele, wirklich viele Mitschüler sind ins Ausland gegangen, haben in Amerika, England, Polen oder in Asien gearbeitet &#8211; viel mehr als an meiner &#8222;alten&#8220; Schule in meiner Heimatstadt Bonn. Das zeigt doch, an den eigenen Erfolg und das Sendungsbewusstsein zu glauben, ist ein echter Startvorteil, den viele in St. Blasien hatten und noch haben (auf Kosten des Scheiterns einiger aus meinem Abijahrgang)</p>



<p>Mein Lebensmotto trug ich damals schon in mir, wusste es nur nicht. Das ist heute anders. Do what you can, use what you have and start where you are.</p>



<p><em>(Foto: <a href="https://www.wolfgangstahl.com" data-type="URL" data-id="https://www.wolfgangstahl.com" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Wolfgang Stahl</a>)</em></p>
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		<title>Die geheime Dom-Mission</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Gaucho]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 01 Jul 1985 09:46:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[1985]]></category>
		<category><![CDATA[dom]]></category>
		<category><![CDATA[franzosenbau]]></category>
		<category><![CDATA[fuzzi]]></category>
		<category><![CDATA[streich]]></category>
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					<description><![CDATA[Eine Zeit lang konnte man vom Franzosenbau aus in den Dom einsteigen. Nicht ganz ungefährlich, auf keinen Fall zur Nachahmung empfohlen, aber ein spannendes und lustiges Abenteuer – wenn man nicht feststeckt oder vom Fuzzi entdeckt wurde.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p>Ich kam zur Obersekunda ans Kolleg. Die neunten und zehnten Klassen wohnten damals im Franzosenbau. Dort gab es an der westlichen Seite des Gebäudes ein Treppenhaus, das die vier Stockwerke verband und in dem sich die Raucherzonen befanden. Ja, wir haben damals geraucht, also: gefühlt mindestens die Hälfte der älteren Schüler und auch nicht wenige des pädagogischen Personals. Unvorstellbar heute. </p>



<p>Unser Präfekt hieß Herr Gaus, und wenn der nicht da war, übernahm der Fuzzi das Lichtausmachen. „Heia-time“ dröhnte sein fröhlicher Bass dann durch den langen Flur. „Licht aus. Schlaft&#8217;s gut.“ Man tat besser, wie einem geheißen. Der Fuzzi war stellvertretender Internatsleiter und hieß mit vollem Namen Pater Winfried Schüßler SJ. Er hatte mehr Spitznamen und mehr <em>Street Credibility</em> als jeder andere Pater. Außerdem war er doppelt so groß wie ein normaler Pater, hatte Arme wie Telegrafenmasten, Hände groß wie Bratpfannen und besaß noch eine Reihe anderer Eigenschaften, die ihn fast übermenschlich erscheinen ließen. So beherrschte er zum Beispiel die Kunst der <em>Multilokalität</em>, d.h. er konnte gleichzeitig eine Truppe Sextaner zusammenpfeifen, die im Treppenhaus das Geländer herunter rutschten und im selben Moment ein paar Pimpfe beim Rauchen hinten an der Post erwischen. Man hatte das Gefühl, er war überall und sah alles. Einer seiner Spitznamen lautet deshalb auch: ”Das Auge Gottes“. Jeder, der nur für drei Pfenning Verstand besaß, versuchte auf jeden Fall zu vermeiden, seinen Argwohn zu erregen, wenn er irgendwie über die Stränge geschlagen hatte. Ein bißchen wie das Auge Saurons in Mordor: Besser nicht ins Blickfeld geraten. </p>



<p>Zum Beispiel führte man im Speisesaal den beliebten Trick vor, ein volles Saftglas blitzschnell so umzudrehen und auf dem Wachstischtuch abzusetzen, dass nichts herauslief, so dass der Küchendienst es später nicht entfernen konnte, ohne eine Riesensauerei zu machen. Wenn dann auf einmal das Lachen in der Runde erstarb und ein riesiger Schatten sich von hinten heranschob und die Sonne verdunkelte, dann war das der Fuzzi. Er musste gar nichts sagen, denn man rannte noch im selben Augenblick unter dem Murmeln von Entschuldigungen – was denn blos in einen gefahren ist, so eine Unbedachtheit, menschmenschmensch, wirdauchniewiedervorkommen – los und holte flugs Putzlumpen und Eimer und sorgte dafür, das Missgeschick schnell wieder aus der Welt zu räumen. Der Fuzzi änderte dann meistens seinen Kurs und sah davon ab, einem den Kopf vom Rumpf zu trennen und nachdem er, die Jacke um die Schultern geworfen wie Batman sein Cape,  davon geglitten war, um irgendwo anders im Kolleg den Respekt vor Recht und Ordnung wieder herzustellen, merkte man erst, dass einem noch immer die Finger zitterten.</p>



<p>Oder, ebenfalls Speisesaal, man war gerade mitten in einem &#8222;Food Fight&#8220; und beschoss den Nachbartisch mit Rosenkohl, wobei man den Löffel als Katapult benutzte. Und wenn sich ein Geschoß auch nur in die <em>Nähe</em> des INRI an der Wand des Speisesalls verirrte &#8230; <em>same procedure</em>: Schatten, Schweigen, Kopf einziehen, Sauerei beseitigen und für den Rest des Schuljahrs den Ball flach halten. </p>



<p>Nach dem Lichtausmachen schlichen wir manchmal in die Raucherecke im Treppenhaus vom Franzosenbau und qualmten. Und natürlich erwischte uns der Fuzzi, wenn er gerade Patrouille flog, aber wenn er gut drauf war, setzte er sich auf eine Zigarette dazu, quatschte ein bisschen mit uns und scheuchte uns anschließend ins Bett. Die Geschichte davon machte dann am nächsten Tag die Runde, und die Teilnehmenden sonnten sich eine kurze Zeit lang in der Bewunderung, dass sie noch ihren Kopf auf dem Hals trugen.</p>



<p>Auf der obersten Etage des Treppenhauses war eine Luke zum Dachboden. Und von dort aus konnte man ein Loch in der Außenmauer erreichen und dahinter den Spalt zwischen den Außenmauern des Franzosenbaus und des angrenzenden Doms. An den Außenfassaden, zum Domplatz und zum Innenhof hin, war der Spalt zugemauert und oben überdacht und offensichtlich wusste niemand, dass man von dort aus durch ein gegenüberliegendes Loch in der Mauer in den Dom einsteigen konnte. Das war nicht ganz ungefährlich, der Spalt war bestimmt einen dreiviertel Meter breit und das Loch in der Dommauer lag auch nicht direkt gegenüber. Da man etwa auf Höhe des vierten Stocks rumkraxelte, bedeutete Abrutschen einen Fall aus mindestens zehn Metern Höhe. Jedenfalls war es ein großes Abenteuer, in den Dom einzusteigen und das Wissen über den geheimen Zugang wurde unter nur dem Siegel strengster Verschwiegenheit und hinter vorgehaltener Hand weitergegegeben. </p>



<p>Wir verabredeten uns um elf auf der obersten Etage des Treppenhauses unter der Bodenluke, die damals eben noch unverschlossen war. Dunkle Kleidung, Taschenlampen – dass wir uns nicht das Gesicht noch schwarz angemalt hatten, fehlte eigentlich noch. Matz war dabei, der Grieche, Pogo, Joe Pfeil und der Schobinger sowie meine Wenigkeit, und so stiegen wir schnell durch die Luke und schlossen sie dann von oben. Nun musste man schon in unseren Betten suchen, um unser Fehlen zu entdecken. Wobei – beim Fuzzi konnte man nie wissen. Nach einigem Umhertapsen auf dem staubigen Dachboden – der Franzosenbau wurde irgendwann im 18. jahrhundert gebaut und seitdem war auch keine Putzfrau mehr hier gewesen – fanden wir das Loch in der Außenmauer und mussten von dort den Abgrund zwischen den beiden Gebäuden überwinden –&nbsp;„stell dich nicht so an, du Schisser“ – „selber Schisser“ – „hast du mal gesehen, wie scheiß hoch das hier ist?“ – und durch die entsprechende Öffnung in der Dommauer kraxeln. Innerhalb des Doms ging es zwischen Dach und Gebälk etwa zehn Meter schräg nach oben. Es war staubig und stockdunkel. Etwa auf halber Strecke geriet unsere kleine Expedition ins Stocken. Ich weiß nicht mehr, wer vorweg stieg, ich glaube es war der Schobinger. „Hier geht es über einen Balken“, gab er in seinem ruhigen Schwyzerdütsch nach hinten durch, „das könnte vielleicht eng werden.“ </p>



<p>Es wurde eng. Beängstigend eng. Pogo war damals nicht der schlankste. Und natürlich steckte er fest, als er den Balken überwinden wollte. Und natürlich kam er nicht mehr vor und zurück. Wir brachen in leichte Panik aus. Eine Rettungsaktion mit Feuerwehr, die am besten noch das Dach aufsägen musste – das war nicht wünschenswert. Und das anschließende Verhör durch den Fuzzi galt es auch nach Möglichkeit zu vermeiden. Einfach hier bleiben und auf das Ende warten, wurde kurz erwogen, war aber keine echte Option. Also zogen und schoben wir von vorne und hinten – „versuch mal, ganz auszuatmen“ – „tolle Idee, KLUGSCHEISSER“ – aber es funktionierte und irgendwann hatten wir Pogo befreit. Mit dem zerissenen T-Shirt und den Schrammen am Bauch würde er leben können.</p>



<p>Wir streiften durch den Dom wie eine Gruppe Luftschnapper, die tagsüber busseweise auf dem Parkplatz abgeladen wurden. Wir befummelten die Orgel und machten  einen Abstecher in die Sakristei, wo jeder einen „wänzägän Schlock“ vom Messwein aus dem Tabernakel nahm und wir Pogo daran hinderten, mit dem Taschenmesser einen Schmuckstein aus dem Messkelch zu hebeln. Das würde nur Ärger geben.</p>



<p>Zu der Zeit wurde am Dom gebaut. Wenn ich genau drüber nachdenke, wurde am Dom eigentlich permanent gebaut. Jedenfalls stand damals direkt hinter dem Altar ein Hygrometer, mit dem die Jungs vom Bauamt, Denkmalschutzbehörde, Archäologieministerium oder wer auch immer die Luftfeuchtigkeit maßen. Wegen der sensiblen Deckengemälde. Oder um zu kontrollieren, wieviel Feuchtigkeit der Fake-Marmor der Säulen, die damals gerade renoviert wurden, beim Trocknen abgab. An dem Ding fummelte jedenfalls einer von uns herum und versuchte, mit dem feinen Schreiber eine Botschaft auf der sich drehenden Papierwalze zu hinterlassen. </p>



<p>Wir schafften den Rückweg über den Balken und hatten den Abgrund zwischen den Mauern überwunden. Nun  kletterten wir aus der Luke vom Dachboden herunter, als wir schwere Schritte hörten, die sich durch den langen Flur im oberen Stock des Franzosenbaus näherten. Der Fuzzy war auf Patrouille. Fuckfuckfuck. Mit seinem untrüglichen Gespür würde er auf der Stelle die gesamte Situation erfassen, ein Urteil fällen und noch an Ort und Stelle vollstrecken. Das war&#8217;s dann. Wir waren geliefert. </p>



<p>„Hat jemand Zigaretten dabei?&#8220; fragte der Schobinger da. Gute Idee. Noch schnell eine rauchen vor dem Ende. „Was soll die Scheiße?&#8220; knurrte Pogo verärgert. Der Grieche kramte eine zerknitterte Schachtel Papastratos aus der Hosentasche und hielt sie dem Schobinger hin. Die Schritte kamen näher und man konnte schon das gutgelaunte Summen deutlich  vernehmen. In aller Seelenruhe ließ sich der Schobinger vom Griechen mit zitternden Fingern Feuer geben, dann ließ er sich auf einem der Stühle im Rauchereck nieder und sah uns auffordernd an. Blitzartig rissen wir dem Griechen seine filterlosen Kippen aus der Schachtel und verteilten uns auf die restlichen Stühle und rauchten – eine Handvoll entspannter Sekundaner, die sich spontan auf einen kleinen Plausch im Rauchereck getroffen hatten. Mitten in der Nacht.</p>



<p>„Ja, was machts denn ihr da heraußen mitten in der Nacht?&#8220; dröhnte der Bass des Fuzzi durchs Treppenhaus. „Seid ihr denn von allen guten Geistern verlassen?&#8220; Wir murmelten was von: noch was dringendes zu besprechen wegen der Theateraufführung vom Leu am Wochennende oder irgend einen anderen fadenscheinigen Unsinn. Der Fuzzi ließ seinen  Röntgenblick über unseren kleinen Haufen streichen. Irgendwas war hier faul, das konnte er riechen. In dem Moment rieselte aus der Dachluke ein feiner Faden Staub. Der Fuzzi hob ruckartig den Kopf, zerrieb etwas von dem Staub zwischen seinen Fingern und roch daran. Dann streckte er seine riesige Pranke über den Kopf und drückte die Dachluke, die noch einen Spalt offen stand, ins Schloß. Sie knarzte etwas und öffnete sich wieder. </p>



<p>„Ihr machts jetzt eure Zigrettn aus und verschwindet auf eure Stubn und zwar <em>zackzack</em>.“ Er warf noch einen Blick auf die Dachluke. „Des soll der Hausmeister richten morgen.“ Dann machte er auf dem Absatz kehrt und rauschte davon. Wir hatten Glück gehabt, waren noch einmal davon gekommen. Wir klopften uns den Staub aus den Haaren und verschwanden in den Zimmern. Und in den folgenden Tagen nickten wir uns verschwörerisch zu, wenn wir uns auf den Schulgängen begegneten. </p>



<p>Die Baubehörde war es dann am Ende, die das nächtliche Eindringen in den Dom bemerkte und dem Kolleg meldete: Das empfindliche Hygrometer am Altar habe die erhöhte Luftfeuchtigkeit, die mit Sicherheit von menschlichen Körpern abgesondert worden war, samt Uhrzeit registriert. Erstaunlich, was die Technik schon damals zu leisten vermochte. Ob man sich das erklären könne?</p>



<p>Ärger gab es übrigens nach einer anderen, späteren Tour durch den Dom, als ein Junge in den Glockenturm neben dem Hauptportal stieg und versehentlich die Papstglocke in Gang setzte, die – man ahnt es bereits – nur dann geläutet wird, wenn der Chefposten in Rom neu zu besetzen ist. War er aber nicht. Johannes Paul II. hatte damals noch rund zwanzig Jahre Pontifikat vor sich. Die Popen fanden das mit dem Läuten aber nicht so lustig und ließen den Erzbischof aus Freiburg kommen, um den Dom neu zu weihen. Aber das ist eine andere Geschichte – und vielleicht gibt es ja jemanden, der sie kennt und hier erzählen mag.</p>
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