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	<title>Hieronymus Fürst Clary &#8211; KOLLEGSGESCHICHTEN</title>
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	<description>Geschichten vom Kolleg Sankt Blasien</description>
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	<title>Hieronymus Fürst Clary &#8211; KOLLEGSGESCHICHTEN</title>
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	<item>
		<title>Die Zusatzbutter</title>
		<link>https://kollegsgeschichten.de/1965/die-zusatzbutter/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Hieronymus Fürst Clary]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 23 Nov 2023 18:38:31 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[1965]]></category>
		<category><![CDATA[Ernährung]]></category>
		<category><![CDATA[essen]]></category>
		<category><![CDATA[luxus]]></category>
		<category><![CDATA[Speisesaal]]></category>
		<category><![CDATA[streich]]></category>
		<category><![CDATA[zusatzbutter]]></category>
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					<description><![CDATA[Eine Episode aus dem Speisesaal des Kollegs Ende der 50er Jahre, einer Zeit, in der Butterstücke ganz besonders wertvoll waren. Eigentlich.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p>Als ich 1956 ins Kolleg kam, war der Zweite Weltkrieg gerade einmal 11 Jahre vorbei. Zumindest im Westen Deutschlands herrschte zwar keine Not und es gab beinahe alles zu kaufen, aber große Teile der Bevölkerung konnten sich noch lange nicht alles leisten.&nbsp;</p>



<p>In diesen Jahren war das Essen im Kolleg gesund und ausreichend, aber keineswegs gourmetös. So gab es z. B. zum Frühstück und zur Jause ausreichend Brot und Marmelade, aber keine Margarine oder gar Butter. Einige Eltern hatten aber deshalb schon vor 1956 durchgesetzt, daß man sog. &#8222;Zusatzbutter&#8220; beziehen konnte, die gesondert in Rechnung gestellt wurde. Jede Woche bekam man dann ein Viertel Pf. (125g) Butter, die &#8211;&nbsp; silbern verpackt, aber ungekühlt &#8211; in Schrank-Schubladen aufbewahrt wurde, welche jedem einzelnem Tisch zugeordnet waren. Da auch wir alle jeweils einem bestimmten Tisch fest zugeteilt waren, mußte nur jede Gruppe untereinander die Butterstücke auseinanderhalten. Ich kann mich nur an einen Mitschüler erinnern, der keine Zusatzbutter bekam, weil seine Eltern fanden, er solle sich nicht zu sehr an Luxus gewöhnen, um in eventuell mal wieder schlechteren Zeiten diesen dann nicht zu sehr zu vermissen. Alle wir anderen haben ihn dann halt an &#8222;Luxus&#8220; gewöhnt.&nbsp;</p>



<p>Wenn nun aber jemand aus irgendeinem Grund eine gewisse Zeit nicht da war, wurde trotzdem seine Butter ausgeliefert und auch in die Aufbewahrungs-Schublade des entsprechenden Tisches gelegt.</p>



<p>Im Sommer 1959 war unser Speisesaal im ersten Stock des Eckgebäudes mit Blick auf den Kurpark und mein Tisch derjenige beim ganz linken Fenster zum Patres-Garten hin. An einem Tag, der sicher schon im Juli und so heiß war, wie es damals halt heiß sein konnte, geschah folgendes: ein paar von uns jausneten und einer kam wieder dazu, der zwei Wochen krank gewesen war. Wie man dann halt so blödelt, wurde er aufgefordert, seine zwischenzeitlich aufgelaufenen Butterpäckchen zu entsorgen, da sie schon anfingen zu stinken. Cool, wie er sein wollte, nahm er das älteste Stück und schmiss es einfach hinter sich durch&#8217;s offene Fenster raus.&nbsp;</p>



<p>Ich war schon fertig und ging in diesem Moment weg, weil ich vor Beginn des Strengstudiums noch beim Br. Schmer an der Pforte etwas zu erledigen hatte. Dort waren dann auch noch zwei oder drei andere Schüler, und alle fuhren erschrocken herum, als plötzlich die Tür aufsprang und ein kleiner dicker Kurgast herein kam, auf dessen hochrotem Kopf ein aufgeplatztes Butter-Viertel prangte. Vor lauter wütender Schnappatmung konnte er überhaupt nicht sprechen, sondern deutete immer nur mit seinen Fingern auf seine Haare. Offenbar hatte er die Butter überhaupt noch nicht zu entfernen versucht, um besser beweisen zu können, was ihm passiert war.&nbsp;</p>



<p>Niemals werde ich dieses Gesicht vergessen, von dem links und rechts neben den Ohren und über die Nase ranzige Butter tropfte. Zwar war ich ja der einzige, der wusste, warum er das auf dem Kopf hatte, aber wir alle mussten halt bei diesem Anblick doch lächeln oder lachen, auch Bruder Schmer selbst. Das machte den Butter-Kopf noch wütender, was wiederum die ranzigen Rinnsale verstärkte.</p>



<p>Mein eigentliches Anliegen wäre unter diesen Umständen zeitlich nicht mehr dran gekommen und deshalb machte ich mich davon, blickte aber im rausgehen noch einmal von hinten auf den &#8222;Gesalbten&#8220;, dem auch über den Nacken das sich auflösende Fett in den Kragen rann.&nbsp;</p>



<p>Bei den Abend-Ansagen wurde dann gefragt, wer etwas vom Butterwurf wisse. Da wir ja dazu erzogen waren, uns auch zu unseren Fehlern zu bekennen, meldete sich der Verursacher, allerdings nur mit der verzeihbaren Version, die Butter sei ihm bei der Suche nach dem Haltbarkeitsdatum im besseren Licht am Fenster aus der Hand geglitten.</p>



<p>Das jesuitische &#8222;finis justificat modo&#8220; deckt sicherlich vieles ab, und vielleicht hat dieses Erlebnis dem Blutdruck des Auf-gebutterten ja auch wirklich und langfristig gut getan, der sich ja auch bestimmt irgendwann gewaschen und wieder beruhigt haben wird.</p>



<p>{Foto: <a href="https://kollegsgeschichten.de/author/lemmi/">Lemmi</a>, Quelle: Kühlschrank}</p>



<p></p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Krisen</title>
		<link>https://kollegsgeschichten.de/1965/krisen/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Hieronymus Fürst Clary]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 11 Jun 2023 11:22:07 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[1965]]></category>
		<category><![CDATA[kubakrise]]></category>
		<category><![CDATA[politik]]></category>
		<category><![CDATA[prägung]]></category>
		<category><![CDATA[radio]]></category>
		<category><![CDATA[weltgeschehen]]></category>
		<category><![CDATA[zeitreise]]></category>
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					<description><![CDATA[Aktuelle Ereignisse bringen dem Autor Erlebnisse aus seiner Kollegszeit detailliert in Erinnerung und er nimmt uns mit auf eine spannende Zeitreise in eine Vergangenheit des Kollegs zu Zeiten der Kuba-Krise. Er schildert anschaulich, wie er das Weltgeschehen damals als heranwachsender Kollegianer wahrnahm, als die Zeitung erst einen Tag später kam, ohne Internet und weder Fernsehen noch Radios waren erlaubt - nur beim Präfekten im Zimmer, wenn dieser denn Zeit hatte.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p><strong>11. Juni 2023</strong><br>Seit dem 24. Februar 2022 ist Krieg in der Ukraine, der nun schon 473 Tage andauert. <br>Damals und seitdem immer wieder muss ich an Überlegungen und Befürchtungen denken, die ich ähnlich schon einmal erlebt hatte: Die Zeit, von der ich dabei zu erzählen habe, liegt sehr lange zurück. Es war damals nicht alles anders als heute, aber doch vieles. </p>



<p>Ich kam am 24. April 1956 ins Kolleg St. Blasien. Das Kolleg hatte damals ca. 500 interne Schüler, vielleicht 20 externe Schüler und gar keine Schülerinnen. Schulisch war alles in Klassen gegliedert, im Internat in Abteilungen. Diese wurden von Präfekten geleitet, jungen Jesuiten, die seit ihrem Ordenseintritt bis dahin nur das Noviziat hinter sich hatten.</p>



<p>Jedem dieser Abteilungen war ein Studiensaal, ein Schlafsaal und ein Spielsaal zugeordnet, die altersgerecht ausgestattet waren. Die Kleinen durften fast nichts, aber im Spielsaal der 8. Abteilung, der OA, gab es dann schon einen Billardtisch, Zeitungen und ein Radio. Eigene Radios waren nicht erlaubt, was aber dann zunehmend unterlaufen wurde, je kleiner solche Geräte und je billiger Kopfhörer wurden. Fernsehen aber war streng für die OA reglementiert, es sei denn, dass es so Wichtiges zu sehen gab, wie z.B. 1963 die Eröffnung des II. Vatikanischen Konzils, was zu diesem Anlass sogar in der Turnhalle auf eine große Leinwand projiziert wurde. </p>



<p>Was sonst aber so in der Welt vorging, erfuhr man im Kolleg nur von den Lehrern, den Präfekten, den Externen oder denjenigen unter uns, die von den Zeitungen auch die ersten Seiten lasen. Ich selbst wollte irgendwann einmal möglichst aktuell informiert sein und ließ mir deshalb ab ca. 1960 eine Tageszeitung abonnieren, die am jeweils nächsten Tag mit der Post kam.</p>



<p>So war ich auch immer über die Entwicklung in Kuba informiert. Nach und nach hatten wir nämlich alle erfahren, daß 1959 ein junger 32-jähriger Rechtsanwalt, der Fidel Castro hieß, in Kuba einen Umsturz der Regierung erreicht hatte. Er beabsichtigte, die Insel vom US-amerikanischen Einfluss zu lösen und begann deshalb, in Kuba den Kommunismus einzuführen, was wiederum im Westen von keiner Regierung begrüßt wurde. Im damals bestehenden Ost-West-Gegensatz führte das vielmehr sofort zur Ablehnung des neuen Regimes durch die USA, und diese Ablehnung wurde durch die zahlreichen Exil-Kubaner verstärkt, denn in Kuba wurde unter Castro dann nicht nur die Mafia enteignet, sondern alle, die etwas hatten oder etwas konnten, und viele davon flohen nach Florida. Um an der Macht zu bleiben, brauchte Castro deshalb aber von woanders her Unterstützung, und die Sowjetunion war dazu nur allzu gerne bereit. Auch die UdSSR hat dies wohl nicht aus kommunistischem Idealismus getan, sondern in der Absicht, endlich unmittelbar vor der US-amerikanischen Küste einen Stützpunkt zu bekommen und damit im Ost-West Konflikt einen wertvollen Stich zu machen. </p>



<p><em>πάντα ῥεῖ</em>, wie der alte Grieche sagt, gilt und galt: Die politische Lage blieb nicht konstant, sondern entwickelte sich. In der Sowjetunion war Nikita Chruschtschow an die Macht gekommen, der amerikanische Präsident hieß ab 1961 John .F Kennedy, und die kubanische Revolution festigte sich, ohne im Westen anerkannt oder geduldet zu werden &#8211; und auch wir Kollegianer wurden jedes Jahr ein Jahr älter. T<em>empora mutantur, nos et mutamur in illis</em>, wie der alte Römer sagt.</p>



<p>So wurde in diesen Jahren im Kolleg auch ein Teil der bis dahin bestehenden Studier- und Schlafsäle umgebaut und zu Studierzimmern mit vier Schreibtischen und Schlafräumen mit sechs Alkoven sowie Waschgelegenheiten eingerichtet. In den beiden Stockwerken über der Küche waren wir in der 7. Abteilung und der OA dann die ersten, die diese Neuerungen beziehen konnten.</p>



<p>Obwohl auch in diesen Zimmern ab 16:15 Uhr bis 18:00 Uhr das übliche Schweigegebot gefordert war und um 21:30 Uhr “<em>Licht aus” </em>galt, ergaben sich doch leichter Gelegenheiten, mit den Kameraden während des Studiums oder dann in den Schlafräumen auch mal über die Sperrstunde hinaus Gespräche zu führen. Man lernte so halt, mit den Gegebenheiten umzugehen, auch wenn es nicht das Einzige, aber auch nicht das Schlechteste war, was wir dort lernten.</p>



<p>Nachmittags war Sport, musische Ausbildung oder Spaziergang, und auf diesen Spaziergängen tauschte man sich &#8211; heranwachsend &#8211; dann weniger über Filme und dergleichen, sondern zunehmend auch über Politik und die politische Lage aus. Neben allem, was auf der Erde geschah, hatte ja auch ein spannender Wettkampf um das Firmament begonnen. Die Sowjetunion, von uns damals eher umgangssprachlich “Russland” genannt, hatte mit Sputnik, dem ersten Satelliten, vorgelegt; die Amerikaner aber, dadurch gereizt, legten verschärft und erfolgreich nach. Sie entwickelten zudem einen Fernaufklärer, die U-2, ein Flugzeug, das aus damals unvorstellbar großen Höhen alles fotografieren konnten, was man sehen und wissen wollte. Man interessierte sich z.B. dafür, ob bei den Russen gute oder schlechte Ernten zu erwarten waren und vieles andere, aber natürlich und vor allem auch für die militärische Infrastruktur.</p>



<p>In dieser Zeit lösten sich auch in Afrika die englischen und französischen Kolonien auf, und fast monatlich entstanden neue Staaten mit neuen Problemen. Es war viel los überall auf der Welt. Immer wieder gab es auch Nachrichten über Kuba, vor allem, als dort eine von Exil-Kubanern durchgeführte Befreiungsinvasion in der Schweinebucht scheiterte. </p>



<p>1962 kam es dann plötzlich zu sensationellen Enthüllungen. Nein, es war kein Fake, wie es Graham Green in seinem „Our man in Havanna&#8220; (sehr lesenswert) geschrieben hat. Tatsächlich entdeckte die CIA durch die Aufklärungsflüge der U-2 Raketenbasen und russische Raketen auf Kuba: 200 Meilen vor Florida, 1.600 Meilen vor Washington, 2.000 Meilen vor New York; Flugzeit 5 min, 20 min, 30 min.</p>



<p>Da war dann Schluss mit Lustig.</p>



<p>„Nur zur Verteidigung“, sagten die Russen.</p>



<p>„Angriffsgeeignet“, sagten die Amerikaner und: „Nicht vor unserer Haustür.&#8220;</p>



<p>„In Finnland und der Türkei gibt es doch auch Raketen“, entgegneten die Russen. </p>



<p>„Nur zur Verteidigung“, erklärten die USA.</p>



<p>Alles so, wie immer &#8211; damals halt.</p>



<p>Aber es schien, als wollten beide Seiten diesmal aus dem bekannten Hick-Hack-Spiel ernst werden lassen. Keiner konnte nachgeben, ohne das Gesicht zu verlieren. Schwierig.</p>



<p>„Abzug“, forderten die Amerikaner.</p>



<p>„Weiterer Ausbau“, beharrten die Russen.</p>



<p>„Dann wird Kuba blockiert“, trumpften die Amerikaner.&nbsp;</p>



<p>„Da brechen wir durch“, stachen die Russen.</p>



<p>So ging es in den Oktober 1962; es wurde bedrückend. Wer würde nachgeben oder nachgeben müssen? Wer würde sich durchsetzen können?</p>



<p>Kennedy konnte nicht nachgeben. Chruschtschow hätte gekonnt, wollte aber nicht. Noch schwieriger.</p>



<p>Man erinnert sich an den Film „12 Uhr mittags&#8220;, in welchem bis zu diesem Zeitpunkt noch keine Lösung in Sicht war &#8211; außer dem Shoot-out halt. Ganz schwierig.</p>



<p>Und wir in St. Blasien? Zeitung erst einen Tag später, kein Fernsehen, Radios nicht erlaubt, nur beim Präfekten im Zimmer, wenn er Zeit hatte. Schließlich kamen doch die heimlichen Transistor-Radios zum Vorschein. Es war zu wichtig, aktuell informiert zu sein. Es ging um unsere Zukunft!</p>



<p>Die Russen blieben ungerührt. Mehrere Schiffe seien auf dem Weg nach Kuba, wurde verlautbart, eines mit weiteren Raketen schon im Atlantik, begleitet von U-Booten mit Atomwaffen. Die USA hatten sowieso immer Bomber mit Atomwaffen am Himmel.</p>



<p>Das war die Kuba-Krise.</p>



<p><strong>27 .Oktober 1962</strong><br>Die USA verkündet, kein weiteres russisches Schiff mehr nach Kuba zu lassen. Die UdSSR sagt: „Njet, wir fahren”.</p>



<p>Es wird davon berichtet, dass die USA wirklich keinen Bruch der Blockade zulassen werden und bereit seien, Waffengewalt anzuwenden. Beide Seiten erklärten, wenn es dazu komme, würden Atomwaffen eingesetzt. Davon wären auch wir in Europa direkt betroffen.</p>



<p>Die Amerikaner zwingen ein russisches U-Boot zum Auftauchen. Das russische Schiff aber, das auf Kuba zufährt, fährt weiter und befindet sich in der Mitte des Atlantiks, etwa vier Zeitzonen weiter als Europa, Kuba fünf Zeitzonen, Washington sechs.</p>



<p>Bis um 21:00 Uhr St. Blasien (17:00 Uhr Atlantik, 16:00 Uhr Kuba, 15:00 Uhr Washington) hat noch niemand nachgegeben, aber wir müssen schon die Studierzimmer verlassen. Im Schlafraum wird heftig weiter diskutiert. Wird einer nachgeben? Wer wird auf den roten Knopf drücken? Wird das russische Schiff doch anhalten oder gar umdrehen? Werden die Amerikaner die Weiterfahrt doch zulassen? </p>



<p>Jeder von uns ist mal Kennedy und gleich danach wieder Chruschtschow und dann wieder umgekehrt.</p>



<p>Aus unseren kleinen Radios erfährt man nichts Genaues; nur soviel, dass Kennedy ultimativ das Abdrehen des Raketenschiffes gefordert hat, heute noch. 24:00 Uhr Washington ist 01:00 Kuba, 02:00 Atlantik, 06:00 St. Blasien.</p>



<p>Der Präfekt macht die Tür auf: „Licht aus, jetzt, es ist schon 22:15 Uhr! Morgen ist auch noch ein Tag“. Wird morgen noch ein Tag sein ? Wenn die Atomraketen fliegen sollten, wird zwar morgen noch ein Tag sein, aber wir werden ihn wohl nicht mehr erleben. Wir schließen das Schlimmste nicht aus, geben aber doch dem Ruf zur Ordnung nach. Jeder verabschiedet sich von allen fünf anderen, bis wo immer wir auch wieder zusammen sein sollten. </p>



<p>Samstag ist es, 22:30 Uhr (18:30 Uhr Atlantik, 17:30 Uhr Kuba, 16:30 Uhr Washington), als schließlich „Licht aus&#8220; ist. Ich kann noch lange nicht schlafen, weil ich mich noch an so vieles zurückdenke &#8211; und auch mal wieder bete. </p>



<p><strong>28. Oktober1962</strong><br>06:45Uhr; Tür auf, „Guten Morgen, aufstehen!&#8220;</p>



<p>Es war der Präfekt, nicht Petrus oder gar der gerechte Richter. Erleichtert und neugierig fuhren wir aus den Betten.</p>



<p>„Das russische Schiff hat heute Nacht abgedreht.“</p>



<p>Die <a href="https://www.dom-st-blasien.de/die-glocken-des-doms.html" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Glocken des Doms</a> begannen zu läuten.</p>



<p>Es war Sonntag &#8211; und wir lebten!<br></p>



<p><strong>11. Juni 2023 </strong><br>Jetzt und heute leben wir immer noch.<br> <br>Auch heutzutage noch läuten Glocken den Sonntag ein.<br><br>Wenn nur endlich jetzt auch noch das Schiff abdrehen würde.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Hier liegt vor Deiner Majestät …</title>
		<link>https://kollegsgeschichten.de/1965/hier-liegt-vor-deiner-majestaet/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Hieronymus Fürst Clary]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 01 Jul 1965 21:30:03 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[1965]]></category>
		<category><![CDATA[glauben]]></category>
		<category><![CDATA[jesuiten]]></category>
		<category><![CDATA[messe]]></category>
		<category><![CDATA[pflicht]]></category>
		<category><![CDATA[prägung]]></category>
		<category><![CDATA[protest]]></category>
		<category><![CDATA[tagesablauf]]></category>
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					<description><![CDATA[Zeitiger Anfang, straffe Taktung – und das vor allem wegen dieser angeordneten, täglichen Heiligen Messe, die deshalb äußerst unbeliebt war. Nur mittwochs war „Langschlaf“ und man konnte herrlich eine gute halbe Stunde länger im Bett bleiben. ]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p><em>Hier liegt vor Deiner Majestät</em>&#8230;Mit diesen Worten beginnt die erste Strophe eines Liedtextes von Franz Seraph von Kohlbrenner aus dem Deutschen Hochamt von Michael Haydn, die seinerzeit in St. Blasien oft der täglichen Liturgie zugrunde lag:</p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img fetchpriority="high" decoding="async" width="1024" height="768" src="https://kollegsgeschichten.de/wp-content/uploads/1965/07/IMG_0280-1024x768.jpg" alt="" class="wp-image-106" srcset="https://kollegsgeschichten.de/wp-content/uploads/1965/07/IMG_0280-1024x768.jpg 1024w, https://kollegsgeschichten.de/wp-content/uploads/1965/07/IMG_0280-300x225.jpg 300w, https://kollegsgeschichten.de/wp-content/uploads/1965/07/IMG_0280-768x576.jpg 768w, https://kollegsgeschichten.de/wp-content/uploads/1965/07/IMG_0280-1536x1152.jpg 1536w, https://kollegsgeschichten.de/wp-content/uploads/1965/07/IMG_0280.jpg 2048w" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /></figure>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p><em>Hier liegt vor Deiner Majestät im Staub die Christenschar,<br>das Herz zu Dir, o Gott erhöht, die Augen zum Altar.</em><br><em>Schenk uns, o Heiland, Deine Huld,<br>vergib uns uns’re Sündenschuld.<br>O Herr, vor Deinem Angesicht<br>verwirf uns arme Sünder nicht,<br>verwirf uns nicht, verwirf uns Sünder nicht!</em></p></blockquote>



<p>Diese Strophe war während meiner Zeit in St. Blasien (1956-1965) in unserem dort benutzen Gesangbuch enthalten, dem <em>Sursum Corda</em>, Diözesan-Gesangbuch des Bistums Paderborn. Mit schönen, altmodischen Worten brachte dieser Text die Ehrfurcht zum Ausdruck, die Gott angemessen sein sollte. Für mich ist mit diesem Text gleichzeitig auch ein ehrfurchtsloses Verhalten verbunden, das folgende Ursache hatte:</p>



<p>Bis ich nach St. Blasien kam, war es für mich selbstverständlich gewesen, Sonn – und Feiertags mit der ganzen Familie in die Kirche zu gehen und die Heilige Messe mitzufeiern. Auch in St. Blasien war das dann natürlich selbstverständlich Pflicht. Aber dort kam nun auch noch der verpflichtende Besuch eines – außer mittwochs – täglichen Gottesdienstes dazu.</p>



<p>Unsere Tage begannen grundsätzlich so:</p>



<p><strong>05:30 Uhr:</strong> Licht an. „Guten Morgen, aufstehen!“ – was einige taten, um aufs Klo zu gehen, Zähne zu putzen, sich zu waschen, später dann auch, um sich zu rasieren</p>



<p><strong>05:40 Uhr</strong> Noch einmal, nicht mehr so freundlich: „Aufstehen, los jetzt!“ – was noch einmal ein paar andere mobilisierte. Der immer noch hartnäckige Rest musste sich dann halt entsprechend beeilen &#8230;</p>



<p><strong>06:00 Uhr</strong>: Heilige Messe – und die Wegstrecke zu den einzelnen Kapellen (Hauskapelle, Canisius-Kapelle, Patresbau) musste genauestens mit einberechnet werden. Die kürzesten Messen – 22 Minuten – feierte Pater Adamek, bei allen anderen Patres dauerte es ein bisschen länger.</p>



<p><strong>06:45 bis 07:15 Uhr</strong> „Streng-Studium“ mit Schweigepflicht</p>



<p><strong>07:15 Uhr</strong>  Frühstück</p>



<p><strong>08:00 Uhr</strong> Beginn der ersten Stunde des Unterrichts</p>



<p>Zeitiger Anfang, straffe Taktung – und das vor allem wegen dieser angeordneten, täglichen Heiligen Messe, die deshalb äußerst unbeliebt war. Nur mittwochs war „Langschlaf“ und man konnte herrlich eine gute halbe Stunde länger im Bett bleiben. Die Pflicht-Messe wurde weitgehend abgelehnt und führte mit der morgendlichen Verschlafenheit bei vielen Kollegianern dazu, zwar ehrfurchtslos teilzunehmen, aber nicht bewusst mitzumachen, vor allem an den Gottesdiensten in der Hauskapelle.</p>



<p>Die im ersten Stock über der Internatspforte gelegene Hauskapelle war damals anders eingerichtet. Der Altar lag nicht wie heute vor der Fensterfront, sondern vor der Wand am linken Abschluss der länglichen Mitte. Da die damaligen Bankreihen allen Altersstufen gerecht werden sollten, waren sie eher niedrig und dadurch sehr geeignet, unauffällig „ehrfurchtslos“ zu sein: man beugte sich weit nach vorn über die Bank, heuchelt so tiefste Frömmigkeit – und schloss die Augen.</p>



<p>„Hier liegt vor Deiner Majestät&#8230;“, so brummte man mit, lag aber über der Bank und nicht im Staub; nichts war mit „das Herz zu Dir, oh Gott, erhöht“, nichts mit „die Augen zum Altar“. Nein, im Gegenteil, manche schliefen so fest, dass sie nicht einmal das Läuten zur Wandlung mitbekamen, sondern erst ein Ellenbogenstoß des Nachbarn ihren Kopf hochfahren ließ. Es war auch kein „meditieren“, mit dem man dieses Verhalten fälschlicherweise hätte entschuldigen können, nein, es war nichts weiter als stille Obstruktion.</p>



<p>Natürlich gab es viele Diskussionen mit den Präfekten über den Sinn dieser Pflicht-Messen. Das Totschlag-Argument der Patres war letztlich immer der Hinweis darauf, dass Rom das nun mal für alle Jesuiten-Internate so angeordnet hätte, Punktum. Und da sei eben nichts zu machen. Ich aber nahm mir im Stillen vor, dieses gewaltige Guthaben an Heiligen Messen dann über den Rest meines Lebens durch das Schwänzen von Sonntagsmessen abzubauen. Das habt ihr dann davon, ihr in Rom, so meinte ich.</p>



<p>Nach dem Abitur machte ich dann sofort einige Reisen zu Verwandten in der ganzen Welt, wo alle immer ganz selbstverständlich sonntags in die Kirche gingen. Im Sommersemester 1966 begann ich mein Studium in München. Damals war es leichter als heute, unterzukommen und so war ein Zimmer schnell gefunden, das ich ganz allein beziehen konnte.</p>



<p>Nach ein paar Tagen war Sonntag. Der erste Sonntag, an dem niemand, aber auch wirklich niemand mich zum Kirchgang hätte auffordern können oder überhaupt gemerkt hätte, wenn ich im Bett bleiben und damit die erste Abbuchung von meinem reichlichen Messe-Guthaben vornehmen würde. Niemand hätte es gemerkt, gar niemand.</p>



<p>Aber warum war ich denn – abgesehen von St. Blasien – bisher sonntags in die Kirche gegangen? Etwa nur deshalb, weil alle um mich herum auch gegangen sind? Oder etwa, weil ich meinte, ich müsse gehen? Oder etwa, weil ich bisher zu feige war, „nein“ zu sagen? Nein, all das war es nicht. Aber nur unreflektierte Gewohnheit war es auch nicht, da war schon noch etwas anderes.</p>



<p>Was ich mir all die Jahre vorgenommen hatte, hätte ich dennoch jetzt beginnen können. Aber, so dachte ich mir damals, was wäre das denn jetzt? Guthaben-Nutzung oder immer noch Protest, nachtragender Protest wegen der vielen Werktagsmessen in den Jahren im Kolleg? Ja, es wurde mir klar, dass es das war, und nur das: Protest, richtiger Protest!</p>



<p>Aber – so der nächste Gedanke – was ist denn so ein Protest wert, von dem niemand etwas bemerkt, niemand, gar niemand, jedenfalls kein Mensch? Und dann bin ich damals aufgestanden und in die Sonntagsmesse gegangen. Und seitdem fast immer, auch immer wieder in viele Werktagsmessen, und bis zu meinem Tod werde ich es auch weiter so machen. Und wenn dann manche Kirchenbänke sehr niedrig sind, beuge ich mich weit nach vorne, schließe die Augen, erinnere mich an den Text des Liedes, das heute nicht mehr im Gesangsbuch steht, und bete still: </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p><em>„Hier liegt vor Deiner Majestät ein Teil der Christenschar. Verwirf&#8216; mich Sünder nicht“</em>.</p></blockquote>



<p>Sollte ich aber tatsächlich einen Schatz an Gnaden haben, den weder Rost noch Motten zerstören können, dann werde ich ihn auch sicher noch sehr nötig haben.</p>
]]></content:encoded>
					
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		<title>Die Orgel-Ampel</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Hieronymus Fürst Clary]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 01 Jul 1965 09:15:27 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[1965]]></category>
		<category><![CDATA[dom]]></category>
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					<description><![CDATA[Damit der Organist weiß, wie weit die liturgischen Handlung vorangeschritten ist, muss ein liturgieerfahrener Schüler von der Galerie aus Zeichen geben. Und der braucht einen Stellvertreter – der ebenfalls einen Stellvertreter braucht ... ]]></description>
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<p>Wer den aus Rundbau und Chorraum bestehenden Dom in St. Blasien kennt, wird wissen oder sich daran erinnern, dass die Orgel – und damit auch der Organist – ganz hinten, oberhalb des Chorraums, ihren Platz hatten. Der Altar bestand zu meiner Kollegszeit, Abi 1965, nicht wie heute aus einem kleinen Altartisch und einem kunstvollen Gitter, das den Chorraum abgrenzt. Seinerzeit stand dort ein Hochaltar auf einem mehrstufigen Sockel, an dem die Priester mit dem Rücken zum Volk zelebrierten. Der Tabernakel war Teil eines sehr hohen hölzernen Altaraufsatzes, der den Altartisch selbst um viele Meter überragte und dadurch auch den Chorraum vom Kirchenraum zu den Seiten in der Rotunde abgrenzte. So war es für den Organisten nicht möglich, erfassen zu können, was am Altar, drumherum oder dem Rundbau selbst liturgisch gerade wie weit fortgeschritten war.</p>



<p>Es war aber wichtig, darüber Bescheid zu wissen, vor allem deshalb, weil in der Zeit, über die ich hier schreibe, alle Gottesdienste auch noch von größeren Ministrantengruppen verschönert wurden. Davon taten nur einige wenige am Altar selbst tatsächlich vorkonziliaren Dienst: Messbuch von rechts nach links bringen und umgekehrt, Wein und Wasser andienen, Weihrauch verbreiten, u.s.w. Die meisten führten nur liturgische „Truppen-Bewegungen“ durch, so nach der Art: mit Kerzen einziehen, mit Kerzen wieder raus, ohne Kerzen wieder rein, dann wieder raus, schließlich wieder mit Kerzen rein und so weiter und so weiter.</p>



<p>Heutzutage mag es ein raffiniertes System von Kameras und Bildschirmen möglich machen, den Organisten informiert zu halten. Damals gab es nichts davon, auch ein System von Spiegeln hätte die weite Distanz nicht überbrücken können. Dennoch musste der Organist wissen, wie weit die liturgischen Handlungen waren, ob vielleicht noch eine Strophe zu spielen sei oder eine Zwischenmusik doch schon zu einem Ende kommen sollte. Deshalb wurde es eingerichtet, dass ein liturgieerfahrener Schüler dazu bestimmt wurde, in der Rotunde hinten, oben auf der Galerie, über den Altaraufsatz hinweg Zeichen zu machen, was an der Orgel zu tun sei: ausgestreckte Arme = weiterspielen, Arme nach oben = abschließen. So, wie ein Polizist, wenn eine Ampel ausgefallen ist.</p>



<p>Der dafür Verantwortliche hatte auch vor der Heiligen Messe die Tafel mit den Liednummern zu bestücken und dann, bevor er nach oben auf die Galerie ging, diese aus der Sakristei nach vorne zu bringen und auf den Sockel der rechten Säule abzustellen. Die Tafel war groß, weil die Nummernplättchen eine entsprechende Größe haben mussten, damit sie jeder in der Kirche erkennen konnte. Sie war deshalb auch schwer, weshalb allgemein darauf geachtet wurde, dass der jeweilige Verantwortliche stark genug war, sie mit einer Hand nach vorne zu tragen und aufzustellen, ohne zu zittern oder einzelne Plättchen herausrutschen zu lassen, denn die schwere Tafel konnte die ganze Strecke von der Sakristei bis zur Säule nicht immer ganz gerade gehalten werden.</p>



<p>Das alles war eine wichtige, sehr verantwortungsvolle Aufgabe. Etwa 1962 wurde mein Freund Rolf, ein ehemaliger Oberministrant, damit betraut. Zusammen mit unserem Freund Henning besprachen wir alle Aspekte, die mit dieser Aufgabe verbunden waren und erkannten sehr bald ein Problem: Was würde wohl passieren, wenn es dem Rolf dort oben zum Beispiel schlecht würde und er keine Zeichen mehr geben könnte; dann würde ja der Organist ewig weiterspielen, was aber wiederum für Herrn Ehret, unserem Musiklehrer und Organisten, nicht zumutbar gewesen wäre.</p>



<p>Als Lösung konnte nur dienen, dass Rolf einen Ersatzmann bräuchte, der ebenfalls schon von Anfang an und die ganze Zeit bei ihm oben auf der Galerie sein musste, um notfalls übernehmen zu können. P. Rektor stimmte diesem Vorschlag zu, dass Henning für diese Aufgabe der Richtige sei. Aber vorausdenkend, wie wir erzogen waren, erkannten wir, dass ja auch ihm etwas hätte passieren können. So wurde uns klar, dass die Situation nur dann befriedigend gesichert werden könnte, wenn drei Mann auf der Galerie zu Verfügung stehen würden – und der dritte Mann war von da an ich.</p>



<p>Problem erkannt &#8211; Gefahr gebannt.</p>



<p>Oben gab es in einer von unten nicht einsehbaren Ecke eine bequeme Bank, auf der man sitzen konnte, wann und solange man wollte, wo man auch leise schwätzen konnte, wenn die Predigt langweilig war. Zum Glück ist natürlich nie etwas vorgekommen, was den Einsatz des Stellvertreters oder des Stellvertreter-Stellvertreters nötig gemacht hätte. Allerdings ergab es sich einmal an einem Pfingstsonntag, dass Rolf im Chor singen und Henning überhaupt nach Hause fahren würde – aber da war ich ja da. Die Aufgabe war leicht, weil nur der Chor während der Messe singen würde, und deshalb weder eine Liedtafel aufzustellen noch der Verlauf der Liturgie zu beobachten war. Auch beim Schlusslied „Großer Gott“ waren von vornherein drei Strophen Gesang festgelegt worden, der Auszug sollte dann während des Orgelnachspiels erfolgen, dessen Dauer ebenfalls feststand. Es war also nur ein schöner, feierlicher Gottesdienst zu erwarten.</p>



<p>Schon am Samstag hatte mich dann jedoch einer meiner Freunde darauf angesprochen, ob seine Eltern vielleicht ausnahmsweise den Gottesdienst auf der Galerie mitfeiern dürften, da sein kriegsversehrter Vater nicht knien konnte. Zwischen den Säulen des Doms konnte er zwar sitzen, hätte aber nicht viel miterleben können. Ich war einverstanden, verwies aber an das Rektorat, um auch dort die Zustimmung einzuholen. Nachdem diese erteilt worden war, führte ich am Sonntag die Eltern auf die Galerie. Dort blieben wir drei dann allerdings weit voneinander getrennt und nachdem ich ja eigentlich gar nichts zu tun hatte, kniete, stand und saß ich halt auch nur so, wie es liturgisch für alle Gläubigen üblich war.</p>



<p>Schließlich ging der Festgottesdienst seinem Ende entgegen und das „Te Deum“ wurde angestimmt, das ich besonders gerne singe. Ich stellte mich dazu in der Mitte an die Balustrade, bereitete schon während des Vorspiels meine Arme aus, da der Organist ja sowieso nicht darauf zu achten hatte, und sang falsch, aber aus vollem Halse mit. &#8211; Man hätte mich ja unten während des allgemeinen Gesanges auf keinen Fall hören können.</p>



<p>Nach dem Ende der dritten Strophe und dem Auszug von Ministranten und Priesterschaft machten sich dann auch die Eltern meines Freundes an den Abstieg; ich räumte noch etwas weg und traf sie dann im Gewusel nach dem Hochamt auch nicht mehr wieder. Als aber dann am Abend ihr Sohn zurück in den Schlafsaal kam, schüttete er sich aus vor Lachen und erzählte, dass seine Eltern ihm davon berichtet hätten, wie tief beeindruckt sie von der inbrünstigen Frömmigkeit gewesen wären, mit der ich den Lobpreis gesungen hätte: laut, sogar mit weit geöffneten Armen, wie ein Engel. </p>



<p>Ein sehr freundliches Lob &#8211; aber natürlich völlig unberechtigt. Ich war – und bin – ja nicht unfromm, aber tatsächlich in punkto Frömmigkeit doch ein ganz „Kleiner“. Aber seitdem reflektiere ich immer die Orgel-Ampel, wenn gesungen wird:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>„Dich, Gott Va-ater, a-auf dem Thron,<br>loben Gro-oße, lo-oben Kleine,<br>Deinem a-eingebor-hornen Sohn<br>singt die ha-eilige-e Gemeinde,<br>und sie ehrt den Heil’gen Geist,<br>der uns sa-einen Tro-ost erweist.“</p></blockquote>
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